So muss er aussehen, der Eingang zum Reich der Eiskönigin: Die Tür misst zweieinhalb mal zweieinhalb Meter und hat auf der linken Seite zwei kleine Vorhängeschlösser. Die groben, dunklen Holzbohlen sind mit einer dicken Kruste aus Eiskristallen überzogen, die im Licht der am Helm befestigten Lampe flirren und funkeln. Mit einem leisen Rascheln fallen die Kristalle zu Bode, sobald man sie mit der Hand berührt. Doch nicht Narnia liegt in dem Stahlcontainer hinter der Brettertür, sondern eine Außenstelle der Nordischen Genbank. Das verrät eine ebenfalls mit Eis bedeckte Messingtafel aus dem Jahr 1984.

Hier, in der Kälte des Permafrostbodens von „Mine 3“, einem seit zehn Jahren aufgegebenen Kohlebergwerk auf der arktischen Insel Spitzbergen, werden seit mehr als 20 Jahren Saatgutproben aufbewahrt. Etwa 10.000 Proben liegen derzeit in dem konstant minus 3,5 Grad kalten Lagerraum. Doch schon bald soll ein viel größeres Getreide-Gefrierfach den einfachen Stahlcontainer aus dem Kohleschacht ablösen.

Mit Hilfe des Microsoft-Gründers Bill Gates, genauer gesagt der Bill & Melinda Gates Foundation, soll bis zum kommenden Frühjahr ein neuer Saatguttresor entstehen, nur einen Steinwurf vom bisherigen Domizil entfernt: der „Svalbard International Seed Vault“ (SISV). Dort sollen eines Tages mehrere Millionen Saatgutproben von Nutzpflanzen eingelagert werden, wasserdicht eingeschweißt. Die Gates-Stiftung, die sich bisher vor allem mit Unterstützung für Impfprojekte gegen Aids, Tuberkulose und Malaria einen Namen gemacht hat, bezahlt den Löwenanteil des Vorhabens: 37,5 Millionen Dollar. Von der norwegischen Regierung kommen noch einmal 7,5 Millionen Dollar.

Der Grundstein für den neuen Saatguttresor wurde publikumswirksam im vergangenen Sommer gelegt, doch in der Dunkelheit des Polarwinters hat sich seitdem nicht viel getan. Doch nun, wo die Zusage für das Geld da ist, sollen die Arbeiten schon bald richtig losgehen. Für den März 2008 ist die Einweihung geplant. Bis dahin werden Bauleute von Norwegens staatlicher Baufirma Statsbygg einen 120 Meter langen Tunnel in einen Berg nahe der Inselhauptstadt Longyearbyen treiben. An seinem Ende liegen dann zwei Tresorräume, die jeweils 24 mal 15 Meter messen.

Entworfen hat den dreieinhalb Millionen Euro teuren Bau das Büro Barlindhaug Consult aus Tromsö. Neben dem Permafrostboden soll – anders als in der bisherigen Genbank im Kohleschacht - auch eine zusätzliche Kühlung für eine möglichst lange Lagerung der Pflanzensamen sorgen. Minus 18 Grad wird es in den Tresorräumen kalt sein. Sollte die Kühlanlage eines fernen Tages einmal ausfallen, dann soll die natürliche Kälte im Berginneren trotzdem zur Konservierung ausreichen.

Gesichert werden sollen Kulturpflanzen, allen voran Getreidesorten. Wenn eine Art auf der Erde ausstirbt, sei es durch Naturkatastrophen, Atomkriege oder Epidemien in der Pflanzenwelt, soll sie später von Spitzbergen ausgehend wieder nachgezüchtet werden können. Besonders im Blickpunkt stehen Kulturpflanzen aus der Dritten Welt. “Diese Initiative wird das Überleben der bedeutendsten Sammlungen der Entwicklungsländer von Saatgut der 21 weltweit wichtigsten Nutzpflanzen sichern“, sagt Cary Fowler. Er ist Chef des Global Crop Diversity Trust, einer
Internationalen Organisation, die sich um den Betrieb der Genbank auf Spitzbergen kümmern wird.