Boris Jelzin, von 1991 bis 1999 erster Staatspräsident der Russischen Föderation, ist tot. Todesursache war ein plötzlicher Herzstillstand. Nach seinem Rücktritt vom Amt des Staatspräsidenten im Jahr 1999 war es still um ihn geworden. Sein Abschied damals war jedoch noch von Jelzinschem Format. Niemand hatte damit gerechnet, dass er sich dafür den Millenniumstag nehmen würde. Russland stand für Sekunden still, als er vor dem geschmückten Tannenbaum langsam, aber unüberhörbar nuschelte: "Ich gehe."

Verbraucht wirkte er, aufgeschwemmt, nur mehr wie ein Schatten des 1931 geborenen Mannes, der 1990 die Bühne der russischen Geschichte betreten hatte. Damals lautete sein Credo: "Ein Mann muss leben wie eine große, helle Flamme und so hell brennen, wie er kann. Am Ende brennt er aus. Aber das ist besser als eine armselige kleine Flamme."

Boris Jelzin hat Russland in diesem Jahrhundert auf eine Weise verändert wie kein anderer seit Wladimir Iljitsch Lenin. Mit dem Revolutionär teilte er den Instinkt für das Sieche, das nur auf den Todesstoß wartet, wie Lenin besaß er das Gespür für den Moment, in dem er rabiat vorpreschen konnte. Beide scheuten vor der radikalen Tat nicht zurück. Sie lösten Imperien, Sozialordnungen und Parlamente auf, und sie führten Krieg gegen das eigene Volk. Lenin gab im Friedensvertrag von Brest-Litowsk unter deutschem Druck das Zarenreich dahin, Jelzin begrub 1991 im Bjelowesher Naturpark bei Brest die Sowjetunion. Lenin trieb 1918 mit Soldaten die demokratische Konstituierende Versammlung auseinander, Jelzin sprengte 1993 mit Panzern den altkommunistischen Obersten Sowjet. Lenin teilte das russische Land neu auf, Jelzin gab Preise und Märkte frei. Lenin stürzte sein Land in einen selbstzerstörerischen vierjährigen Bürgerkrieg, Jelzin ließ Bürger seines Landes in Tschetschenien bombardieren. Nach ihrem Abtritt hinterließen beide ein fundamental verändertes Russland: Lenin den Sowjetstaat und Jelzin die "Präsidialdemokratie".

Auch wenn Boris Jelzin noch nicht geboren war, als Wladimir Lenin starb, sind die beiden Männer die Antipoden der russischen Geschichte dieses Jahrhunderts. Lenin war der Schrecken der westlichen Bürgerwelt, Jelzin lange Zeit ihr Liebling. Der Sozialismus, Erbe des Theoretikers und verbissenen Ideologen Lenin, wurde erst durch den ideologiefreien Pragmatiker Jelzin überwunden. Jelzin, der fast dreißig Jahre den gleichen Parteiausweis wie Lenin in der Tasche trug, pflegte zu sagen: "Sozialist, Kommunist, Sozialdemokrat - das alles sind nur Worte. Wie man sich nennt, ist unwichtig." Boris Jelzin hatte nie eine felsenfeste Ansicht; so fiel es ihm leicht, sie stets zu ändern. Diese Eigenschaft half ihm auf seinem Weg vom Rebellen zum Brachialreformer und schließlich zum ungekrönten Zaren des republikanischen Russland.

Der Rebell: Die Bergleute in Sewero-Uralsk waren in explosiver Stimmung. In den Läden der Stadt gab es 1976 praktisch nichts mehr zu kaufen, noch nicht einmal Tee oder Bettwäsche. Auf einer Versammlung beklagten sie sich bei den Führern des Gebietsparteikomitees von Swerdlowsk. Die Funktionäre versicherten, dass die Partei umgehend "Maßnahmen ergreifen" werde. Dann trat der Erste Sekretär des Komitees ans Rednerpult: Boris Jelzin. Zur Überraschung aller warf er dem Grubendirektor Versagen vor. "Leider herrscht ein dramatischer Mangel an Baumwolle. Aber wir haben im Präsidium die Reserven nachgezählt und beschlossen, jeden Kissenbezug gerecht zu verteilen." Die Bergleute klatschten fasziniert Beifall. Sie glaubten an den Gerechtigkeitssinn des 45jährigen Parteisekretärs und an ihre neuen Kissenbezüge.

Mit diesem Rezept sollte Boris Jelzin fortan die Menschen erobern: als Verantwortlicher andere Verantwortliche öffentlich beschuldigen und dem Volk ein besseres Leben versprechen. Dessen Nöte kannte er selbst gut. Jelzin war kein Nomenklaturakind, sondern wurde 1931 in eine verarmte sibirische Bauernfamilie hineingeboren. Sie lebten mit 19 anderen Familien in einer Holzbaracke. "Wir schliefen auf dem Fußboden und hatten nur ein Ziel: zu überleben", erinnerte sich Boris Jelzin. Er versuchte sich als Maurer und Zimmermann. Aus Krisen und Miseren herauszufinden entwickelte er zur Lebenskunst.