Bereits seit Anfang des Jahres tauchten in Moskau hin und wieder Gerüchte auf, dass der frühere Präsident schwer krank sei. Sogar sein klinischer Tod wurde im März kolportiert. Von der Öffentlichkeit hielt sich Boris Jelzin schon seit seinem Amtsabtritt vor sieben Jahren zumeist fern und spielte politisch keine Rolle mehr. Manchmal besuchte er ein Tennismatch im Davis-Pokal oder gab ein Interview, dessen freundliche Banalitäten ihm wegen seiner schweren Herzkrankheiten nachgesehen wurden.

Jelzins Tod wird sein geschichtsvergessenes und durchaus undankbares Land kaum in große Trauer stürzen. Das ist schade, denn der bärbeißige Sibirier hat mehr für Russland getan, als ihm heute zugestanden wird. Er war mit seinen Widersprüchen, seinen sprunghaften Entscheidungen und naiven Versprechungen seinem Volk oft sehr gleich, bis es sich von dieser Verkörperung der eigenen Schwächen abwandte. Auch als Stellvertreter allen Übels hat Jelzin seinem Volk gedient.

In den vergangenen Jahren gewann die negative Mythisierung der Jelzin-Zeit noch an Stärke. Er war immer für kleine Anekdoten und große Legenden gut. Früher berichteten sie amüsiert vom Popen, der den kleinen Boris im Taufbecken vergaß, oder augenzwinkernd von seinem volltrunkenen Sturz von einer Brücke in den Moskaufluss. Er war eben ein Mann des Volkes, bewundert als Possenreißer, Berserker und bauernschlauer Seelenbruder. Der steife Verwalter Putin dürfte ihn mit Neid betrachtet haben. Seine allzu menschliche Größe in beiden Richtungen der Skala weicht seit Längerem dem Bild einer Herrschaft voller Chaos, Ungerechtigkeit und Ausplünderung des Landes. Je stärker die neunziger Jahre in der geleiteten Erinnerung zur Hölle werden, desto mehr glänzt das heutige Regime.

Doch mit Jelzins Tod steigt kurz wieder die Erinnerung an ein anderes Russland auf, das vergleichsweise große Freiheiten gewährte und die Vielfalt der Gesellschaft nicht als Bedrohung zu bekämpfen versuchte. Der Gedanke an die Vergangenheit erkennt eine Pressefreiheit, die in den zerschlagenen Betonbrocken der totalitären Staatsträger für ein paar Jahre Wurzeln schlagen durfte. Auch für diese gering geschätzte Selbsterfahrung Russlands steht Jelzin – nicht nur für Oligarchen und eine Palastclique, die den Staat abzockte.

Der gelernte kommunistische Apparatschik zeigte an der Macht manche Lernfähigkeit zum Demokraten, den Kritik nicht gleich als Majestätsbeleidigung erschreckte. Er war in aller seiner Fehlerhaftigkeit einer der größten Reformatoren Russlands und hat dem Land immerhin das bis dahin ungekannte Geschenk einer demokratischen Verfassung beschert. Allerdings gestaltete Jelzin weniger, als dass er Breschen schlug. Er konnte meisterhaft die Bruchstelle des Überholten treffen und mit seiner Zerstörungsenergie den Weg öffnen zur Veränderung. Dass sie auch von unten aus der Gesellschaft kam, duldete er zumindest.

Der Jelzin'sche Pendelschlag fand unter Putin seinen Drall zurück. Statt politischer und gesellschaftlicher Freiheit und Selbstverantwortung verspricht das heutige Russland jenen eine individuelle Verwirklichung, die sich egoistisch um ihr Wohlergehen, aber nicht um Opposition oder die Mobilisierung der Gesellschaft kümmern. Apathie als erste Bürgerpflicht wird mit Abschlägen aus den Ölmilliarden, chauvinistischem Pathos und einer kleinen Dosis aufgefrischter Untertanenangst erkauft. Das runderneuerte und modisch verfeinerte autoritäre System leistet sich jene demokratischen Errungenschaften, die Jelzin förderte oder nicht behinderte, nur noch als Deckmantel.

Aus der Sicht der Bürger, die Anfang der neunziger Jahre um ihr Erspartes und das Großmachtgefühl betrogen wurden, erscheint Jelzin als eine ungerechte Heimsuchung Russlands. Aus der distanzierteren Sicht des historischen Betrachters aber und im Kontrast zum Bild des Putin'schen Russlands werden seine Verdienste um eine zwischenzeitliche Öffnung und Demokratisierung Russlands deutlich.