30 Jahre lang hatte die Bundesrepublik Zeit, sich zu verändern. Das ist ihr gelungen, der tiefe Graben zwischen links und rechts ist mittlerweile eingeebnet; die Gesellschaft wählt mittig. Doch in manchen Momenten reißt die alte Kluft wieder auf, zumindest für einen kurzen Moment. So wie am Wochenende mit der neuen RAF-Debatte geschehen. Was war passiert?

Der Spiegel schob am Samstag eine Vorabmeldung seiner Titelgeschichte in die Agenturwelt. Der Tenor: Neue Erkenntnisse zum Fall des 1977 in Karlsruhe ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback eröffneten neue Perspektiven auf den Tathergang. Bislang war unklar, wer der Motorradfahrer, wer der Schütze und wer der Fluchtfahrer beim Buback-Mord waren. Knut Folkerts, 1980 verurteilt wegen des Mordes und seit 1995 entlassen, könnte sogar unbeteiligt gewesen sein. Einer bereits 17 Jahre alten Zeugenaussage der ehemaligen RAF-Angehörigen Silke Maier-Witt beim Bundeskriminalamt zufolge war Folkerts zur Tatzeit in Amsterdam.

Dem Verfassungsschutz liege des Weiteren, schrieb der Spiegel , seit 20 Jahren die Aussage der ehemaligen RAF-Angehörigen Verena Becker vor. Demnach war der Fluchtfahrer Christian Klar, über dessen Begnadigung der Bundespräsident derzeit nachdenkt. Der Fahrer des Mottorads sei der bereits verurteilte Günter Sonnenberg gewesen. Als Schützen brachte Becker einen neuen Namen auf: Stefan Wisniewski. Das frühere RAF-Mitglied wurde unter anderem für die Schleyer-Entführung verurteilt und kam 1999 nach einer Distanzierung von seiner RAF-Zeit wieder frei.

Gestützt wird diese Fassung vom Ex-Terroristen Peter-Jürgen Boock in einem aktuellen Spiegel -Interview. Etwas schwammig bleibt Boocks Entlastung von Klar dennoch. So habe Boock den Sohn des ermordeten Generalbundesanwalts, Michael Buback, vergangene Woche über den Mörder informiert, woraufhin Buback sich in der Süddeutschen Zeitung für einen Gnadenerlass Klars einsetzte.

Doch wie präzise sind Boocks Informationen? In dem Interview sagt er: „Nach meinem Wissen“, eine eher vage Formulierung, hätten Sonnenberg und Wisniewski dem Mordkommando angehört. Über Klars Rolle wisse Boock hingegen nichts. „Ich war nicht dabei, über die interne Aufteilung der Rollen kann ich nichts sagen“, gibt er zu, um dann die eher dürftigen Hinweise auf den Tisch zu bringen: „wenn man allerdings von den Ortskenntnissen des Motorradfahrers Sonnenberg ausgeht und von der Tatsache, dass Stefan Wisniewski die militärische Ausbildung an den entsprechenden Waffen gleich zweimal absolviert hat ...“ Der Spiegel fragt nach: „Also ist es logisch, wer geschossen hat?“ Antwort Boocks: „Ja.“

Eine Beweisführung, die Hans Leyendecker in der Süddeutschen Zeitung zynisch kommentiert: „Das erinnert ein wenig an den alten Abzählreim ‚Eene meene muh, und raus bist du!“