Nach wochenlangen Protesten gegen eine geplante Kandidatur bestätigte Erdogan am Dienstag, dass Außenminister Abdullah Gül als Kandidat für die Regierungspartei AKP in das Rennen um das Präsidentenamt geht. Diese mit Spannung erwartete Entscheidung gab Erdogan unter großem Beifall der Abgeordneten seiner islamisch-konservativen AKP bekannt.

In der kommenden Woche wählt das türkische Parlament den Nachfolger von Ahmet Necdet Sezer, dessen Mandat am 16. Mai nach sieben Jahren ausläuft. Dabei gilt die Wahl Güls als so gut wie sicher, da die AKP im Parlament 354 der insgesamt 550 Mandate innehat. Gül hatte nach dem Wahlsieg der AKP im November 2002 für vier Monate das Amt des Ministerpräsidenten inne. Danach übernahm Erdogan die Regierung.

Für viele kam der Verzicht Erdogans auf die eigene Kandidatur, über die in der Türkei seit Langem heftig gestritten wurde, überraschend. Die laizistische Opposition, die für eine Beibehaltung der strikten Trennung von Staat und Religion eintritt, hatte Erdogan seit Monaten gedrängt, nicht für das höchste Amt im Staat anzutreten. Erst vor zehn Tagen hatten Hunderttausende in der Hauptstadt Ankara gegen eine Kandidatur Erdogans und für eine laizistische Türkei demonstriert. Die Kemalisten befürchten, dass ein Präsident aus den Reihen der AKP, die aus der islamistischen Bewegung der Türkei hervorgegangen ist, die strikte Trennung von Staat und Kirche aufweichen könnte. Ob die Kandidatur Güls, der seit Jahren als enger Gefolgsmann Erdogans gilt, die Kemalisten besänftigen wird, ist fraglich.

Denn der promovierte Volkswirt Gül gilt als enger Gefolgsmann Erdogans, dem er zeitweise sogar als Platzhalter diente. Weil Erdogan in Folge einer Verurteilung wegen Volksverhetzung bei der Parlamentswahl 2002 nicht kandidieren durfte, übernahm Gül für den AK-Chef das Amt des Regierungschefs. Nach Aufhebung des Politikverbots für Erdogan machte Gül ihm im Jahr darauf bereitwillig Platz. Als Mitbegründer der AKP und Funktionär ihrer islamischen Vorgängerparteien betrachten die laizistischen Eliten und die Armeeführung nicht nur Erdogan, sondern auch Gül mit Misstrauen.

Der am 29. Oktober 1950 in Zentralanatolien geborene Sohn eines Handwerkers dürfte ihnen aber wegen seiner Weltoffenheit akzeptabler erscheinen als Erdogan. Für Spannungen dürfte allerdings sorgen, dass Güls Frau ein Kopftuch trägt. Sie hatte vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte dagegen geklagt, dass das traditionelle Kleidungsstück nicht an türkischen Universitäten getragen werden darf. Gül war Wirtschaftsprofessor an der Marmara-Universität in Istanbul und spricht dank Studienaufenthalten in Exeter und London fließend Englisch.

Als Außenminister hatte er sich erfolgreich um Verhandlungen über die Aufnahme der Türkei in die Europäische Union (EU) bemüht. Innerhalb der EU ist er als entschiedener Reformer respektiert.