Bei einem, der seit 35 Jahren in der großen Politik im Geschäft, ist, mag man an einen Ausrutscher nicht glauben. Eher an eine Provokation. Und Wolfgang Schäuble liebt die beiläufigen Äußerungen, die einen Orkan der öffentlichen Empörung auslösen. Insofern muss diese Woche für den CDU-Politiker eine gute Woche gewesen sein. Denn wieder einmal zerreißen sich die Medien, die Opposition und sogar der Koalitionspartner SPD das Maul. Sie sprechen von Verfassungsbruch und von "Feindrecht", sie werfen ihm vor, ein deutsches Guantánamo errichten zu wollen und fragen bereits: "Wer stoppt Schäuble?"

Es macht derzeit nicht den Eindruck, als wolle sich Schäuble stoppen lassen. Gleich ein ganzes Paket an Gesetzesänderungen hat er auf den Weg gebracht: Rasterfahndung, Telefonüberwachung, großer Lauschangriff, zentrale Speicherung von Passdaten... An diesem Donnerstag nun erschien, passend dazu, ein Interview, das der Bundesinnenminister dem Magazin Stern gegeben hat. Darin stellt er nicht de jure, aber faktisch die Unschuldsvermutung infrage - jenes eherne Prinzip des Rechtsstaates, wonach jeder Angeklagte bis zur Verurteilung als unschuldig zu gelten hat, wonach es ohne Gesetz keine Strafe geben darf und ohne Anfangsverdacht keine Ermittlungen.

"Die Unschuldsvermutung gilt im Strafrecht", sagt Wolfgang Schäuble. Der Jurist in ihm weiß, dass er damit seine rechtsstaatliche Pflicht getan hat. Dann fährt er fort, spricht nicht mehr von der Strafverfolgung, sondern von der Prävention und er weiß natürlich, dass bei der Verhinderung von Verbrechen andere Grundsätze gelten. Und so offenbart der Minister in ein paar knappen Sätzen die Sicherheitsphilosophie, die hinter dem sogenannten Schäuble-Katalog steckt: "Der Grundsatz, lieber zehn Schuldige nicht zu bestrafen, als einen Unschuldigen zu bestrafen, kann für die Gefahrenabwehr nicht gelten." Weil dies ja bedeuten würde, "lieber lasse ich zehn Anschläge passieren, als dass ich jemanden, der vielleicht keinen Anschlag begehen will, daran zu hindern versuche." Polemisch ist dies, weil er genau weiß, dass es bei der Debatte eigentlich um etwas anderes geht. Aber der Innenminister weiß auch, dass die Wähler im Zweifelsfall mehrheitlich auf seiner Seite stehen. Da kann die Opposition noch so laut krakeelen und ihm vorwerfen, eine andere Republik zu wollen, einen Präventionsstaat, der seine Bürger unter Generalverdacht stellt.

Es ist noch nicht so lange her, da galt der 64-Jährige als altersmilde, der Spiegel nannte ihn den "vermutlich liberalsten Innenminister, den Deutschland seit Langem hatte". Bei der Fußballweltmeisterschaft, die dank seiner Vorkehrungen ohne größeren Zwischenfall blieb, präsentierte er sich so gelöst, dass er manchmal den Eindruck erweckte, er würde vor Freude jeden Moment aus seinem Rollstuhl hüpfen. Schäuble kämpfte gegen seine CDU-Länderkollegen für ein großzügiges Bleiberecht für geduldete Ausländer und er initiierte die Islamkonferenz, um die Integration zu einem Unionsthema zu machen. Selbst die Grünen lobten ihn dafür. Nach dem Sozialdemokraten Otto Schily, der als innenpolitischer Hardliner nach dem 11. September 2001 verbissen drei Terrorismusbekämpfungsgesetze durchs Parlament gepeitscht hatte, galt der Christdemokrat als wohltuend unaufgeregt.

Vorbei. Die politische Gesäßordnung scheint wieder zu stimmen. Schäuble präsentiert sich als Sicherheitsfanatiker, der es mit den Grundrechten nicht besonders genau nimmt. Die Grünen und die FDP profilieren sich als Hüter bürgerrechtlicher Freiheiten. Selbst die Sozialdemokraten scheinen sich von den langen Schatten ihres Otto Schily zu befreien und sagen plötzlich an der einen oder anderen Stelle laut und deutlich: "Nicht mit uns."