Der erste Panzer zielt bereits auf die estnische Botschaft in Moskau. Allerdings reicht er den Demonstranten nur bis zur Hüfte und ist aufblasbar. Die Jugendlichen der kremlgesponsorten Aktivistenorganisation "Naschi" ("Unsere") protestieren seit sechs Tagen vor der Botschaft gegen die Verlagerung eines sowjetischen Kriegerdenkmals und der sterblichen Überreste mehrerer Soldaten aus dem Zentrum der estnischen Hauptstadt Tallinn auf einen Friedhof.

Der diplomatische Konflikt mit der baltischen Nachbarrepublik eskaliert zugleich nach absehbarem Schema: Das russische Parlament, das bei kritischen Vorfällen im eigenen Land gerne zur Vorsicht in Angststarre verfällt, drohte mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen und schickte sogleich eine Delegation nach Estland. Sie wurde dort der Einmischung in innere Angelegenheiten beschuldigt. Russische Politiker fordern den Boykott von estnischen Waren, estnische Politiker rufen nach EU-Solidarität und Sanktionen gegen Russland.

An einen Dialog ist derzeit zur Erleichterung auf beiden Seiten nicht zu denken. Es fehlen sowieso hie wie dort überlegte Argumente und Einfühlungsvermögen.

Natürlich hat die estnische Regierung das Recht, über den Standort der Denkmäler in ihrer Hauptstadt zu entscheiden. Zumal dann, wenn sie dem ansonsten vom Kreml lautstark verkündeten Konzept einer "souveränen Demokratie" nachkommt. Allerdings musste sie wissen, dass sie Kranhaken und Baggerschaufel an ein zentrales Symbol des russischen Selbstbewusstseins im früher sowjetischen Baltikum legt. Ein Mangel an Sensibilität, verbunden mit einer trotzig-infantilen Jetzt-erst-recht-Reaktion, hat die Empörung gerade kurz vor dem quasi-heiligen Jahrestag des Kriegsendes des Zweiten Weltkriegs am 9. Mai noch höher schlagen lassen. Zumal die Erinnerung an den heroischen Sieg in der russischen Innenpolitik verstärkt als einigendes Band benutzt wird, wo es sonst an Identität und nationaler Zielgebung mangelt.

Der Streit um die Versetzung der Tallinner Bronzeskulptur zum Gedenken an die sowjetischen Soldaten unterstreicht erneut, wie sehr die Perspektiven auf die gemeinsame Geschichte auseinanderklaffen. Während viele Esten die 1944 einmarschierten Sowjettruppen als neue Okkupanten in Nachfolge der deutschen Besatzer verstehen, gelten die Soldaten in Russland als Befreier vom Faschismus. Die eine Seite übersieht oft die eigene wenig demokratische Vorgeschichte und Kollaboration mit den Deutschen, die andere ignoriert die sowjetischen Verbrechen der politischen Verfolgung und Verbannung.

Diese unredliche Haltung gegenüber der eigenen Geschichte trägt erheblich zur Schärfe der Auseinandersetzung bei.