Für die Präsentation seines umwälzenden Gedankens wählte Beck, der den Begriff der "Risikogesellschaft" geprägt hat und der in München und London Soziologie lehrt, eine unverdächtige Plattform: die gemeinsame Tagung zweier renommierter Kulturinstitutionen, des Goethe-Instituts und des Instituto Cervantes, in Madrid. Ihr Thema: „Migration und kulturelle Identitäten“. Am Rande der Tagung erläuterte Beck im Gespräch mit ZEIT online seinen Vorschlag.
Wer darf rein? Tausende Migranten, vor allem aus Afrika, versuchen, in die EU zu gelangen. Ihre Schiffe werden aber häufig gestoppt, wie hier in der Elfenbeinküste, weil die EU die Aufnahme verweigert. Viele ertrinken auf der gefährlichen Passage übers Meer

ZEIT online: Sie wollen die Grenzen öffnen?

Ulrich Beck: Zunächst muss man bedenken, dass wir einen großen Teil der Migrationsprobleme selbst schaffen. Nicht die Migranten erzeugen die Probleme, wir produzieren sie selbst mit unserem eigenen eng gefassten Grenzregime.

ZEIT online: Das freilich eine lange Geschichte hat.

Beck: Ja, das ist in unseren Nationalstaaten tief verwurzelt. In deren Rahmen versuchen wir allerdings, die Menschen mobil zu machen. Flexibilität und Mobilität – die Bereitschaft, sich zu verändern – wird hoch bewertet. Doch die Bereitschaft, sich dorthin zu bewegen, wo es einem besser geht, wo man bessere Lebenschancen vermutet, wird in dem Moment, wo sie über Grenzen hinweg greift, von uns kriminalisiert – weil es nicht mehr Mobilität, sondern Migration ist und gegen unser Grenzregime verstößt.

ZEIT online: Sollen die Grenzen also fallen?

Beck: Der Kern des Problem ist: In einer hochmobilen Welt ist Migration normal. Migration ist vielleicht sogar ein Menschenrecht, jedenfalls aber kein krimineller Akt, zu dem ihn das territoriale Denken in Grenzen und nationalstaatlichen Containern macht. Das haben die Kirchen bei uns besser begriffen als die politischen Parteien und die Gewerkschaften. Migranten sind keine potenziellen Verbrecher, sondern Menschen, die auf der Suche nach einem besseren Leben bereit sind, Risiken auf sich zu nehmen.

ZEIT online: Die Migration als Menschenrecht anzuerkennen würde erhebliches Umdenken erfordern.

Beck: In unserer mobilen Welt haben wir inzwischen die globale Mobilität des Kapitals. Dementsprechend handeln Kapitalisten selbstverständlich über Grenzen hinweg, Informationen sind längst grenzenlos. Aber wenn Menschen Grenzen überschreiten wollen, gibt es enorme Spannungen und Konflikte. Auf der einen Seite haben wir uns besonders im Westen dafür eingesetzt, die Menschenrechte anzuerkennen und ernst zu nehmen. Auf der anderen Seite greifen wir mit dem Stoppsignal ein, wenn Menschen auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen – oder Überlebensbedingungen – aufbrechen und Grenzen überschreiten wollen. Sobald sie das Stoppsignal missachten, werden sie kriminalisiert, in die Illegalität gedrängt. Wieso können wir uns nicht mit der Frage auseinander setzen, dass transnationale Migration wie die binnenstaatliche Mobilität etwas Normales ist?

ZEIT online: Soll die Zuwanderung ungeregelt verlaufen?

Beck: Wir haben eine Situation, in der die Migration zur Aufrechterhaltung geradezu verteufelt wird. Damit will man Zuwanderung verhindern. Das gelingt aber nicht. Wir haben uns in Europa darauf eingelassen, uns mit härteren Gesetzen und immer höheren Außenmauern dagegen zu schützen. Trotzdem gibt es illegale Immigration und wir wissen, dass wir ohne sie viele soziale Dienste gar nicht aufrechterhalten könnten. Die Frage ist also: Wie können wir einen legalen Weg finden für Menschen, die mit unternehmerischer Energie ein besseres Leben für sich aufbauen wollen?

ZEIT online: Einen Weg gibt es ja: die EU-Erweiterung.

Beck: Das ist richtig. Damit wurde das Grenzregime für ganze Staaten aufgehoben. Das ist „Ländermigration“. Europa hat es damit geschafft, eine neue Durchlässigkeit zu schaffen, wie man sie lange nicht für möglich gehalten hat. Aber darüber hinaus sollten wir prüfen, ob wir Migration – die wir ja brauchen – nicht rechtlich zulassen und praktisch steuern können. Die Einführung einer Migrationssteuer würde das möglich machen.