Es war ein Spektakel nach allen Regeln der Fußballkunst, mit dem der AC Mailand das Starensemble von Manchester United abservierte. Mehr noch: eine Lehrstunde für die Engländer. Es war der Sieg der italienischen Defensiv- und Taktikkunst, vom brasilianischen Filigrantechniker Kaká und vom holländischen Mittelfeldass Clarenze Seedorf zum Erfolg vollführt. Milans verdienter 3:0-Sieg ist indes Balsam auf die skandalgeschüttelte Seele der Tifosi.

Der ehemalige, englische Champions League-Sieger wurde Opfer des eigenen Hochmuts. Auch ManU-Trainer Sir Alex Ferguson dachte nur an das Spiel seiner Mannschaft statt daran, wie man die Hauptakteure des gegnerischen Spiels ausschalten könne. So erfreute sich der 24-jährige Kaká nicht mehr gekannter Freiheiten auf dem Platz. Der Brasilianer agierte zwei Spiele lang ohne besondere Manndeckung und zauberte Tore der Extraklasse. Er allein schoss so drei der insgesamt fünf Tore, die Milan in beiden Partien erzielte. "Das Spiel heute war die Inszenierung des perfekten Fußballs", schwärmte ein euphorischer Milan-Trainer, Carlo Ancelotti.

Dabei schien ManU nicht die schlechtesten Voraussetzungen zu haben. In der Scala des Fußballs regnete es Bindfäden. Englisches Wetter also. Milan-Vizepräsident Adriano Galliano orakelte vor dem Match von einem bösen Omen. Doch gerade das "englische Wetter" wurde für die Milanisti zum Segen. Von Anpfiff an griffen die Mailänder an und zwangen die Verteidigung von Manchester United zu eklatanten Abwehrfehlern. Daraus entstanden Kakás 1:0-Führung (11.) mit seinem strammen Linksschuss in die rechte untere Ecke. Unhaltbar für Torwart Edwin Van der Sar. Das 2:0 (30.) von Clarence Seedorf, fast eine Kopie von Kakás Führungstreffer, ihm ging ebenfalls ein Abwehrfehler voraus. Gleiches Tor, gleiche Ecke. Alberto Gilardinos Kontertor in der 70. Minute versetzte den "Red Devils" schließlich den endgültigen Gnadenstoß.

Als taktische Meisterleistung erwies sich das Kurzpassspiel der Mailänder, die damit Spiel und Gegner dominierten. Auch ohne Kapitän Paolo Maldini lieferten die Milan-Spieler eine perfekte Mannschaftsleistung ab. In die Rolle des allgegenwärtigen "Zerstörers des gegnerischen Spiels" schlüpfte indes Gennaro Gattuso. Ein echter Gladiator, wie die Tifosi meinen. "Wir haben eine perfekte Fußballinszenierung abgeliefert, obwohl niemand einen Pfifferling auf uns gab", bekannte der bullige Weltmeister.

Manchester United konnte lediglich staunend zuschauen. Die Superstars Scholes, Rooney und Ronaldo wirkten wie orientierungslose Schulbuben. Besonders der portugiesische Superstar Ronaldo haderte mit sich selbst. Nervosität und Übermut sorgten dafür, dass ihm fast nichts gelang. Statt zu seinen unwiderstehlichen Dribblings anzusetzen, leistete sich der 22-Jährige verheerende Stockfehler - erstaunlich für jemanden, der als derzeit weltbeste Spieler gehandelt wird.

Die Enttäuschung stand Sir Alex Ferguson nach dem Spiel ins Gesicht geschrieben. Mit viel Fairplay erkannte er jedoch an: "Milans Spiel war wirklich fantastisch." Von Demontage des italienischen Fußballs war nun nicht mehr die Rede. Eher von Wiederauferstehung. Bedenkt man, dass sich Milan nach dem Ausbruch des Manipulationsskandals durch eine besondere Milde der italienischen Fußballgerichte noch in die Qualifikationsrunde der Champions League hineingestohlen hatte, ein wahrhaftes Wunder.

Jetzt können die Mannen um Ancelotti sogar nach der Krone des europäischen Fußballs greifen. Gegen den FC Liverpool können sie wieder einmal die Stärken des totgesagten italienischen Fußballs ausspielen. "Milan hat die Mission zu siegen", bekannte Milan-Präsident Silvio Berlusconi großspurig, und zwar in Italien, in Europa und in der Welt. Der Missionar des Erfolgs hatte Anlass zum Jubel - zumindest im Sport. Zur perfekten Inszenierung passte auch, dass nach dem Spiel gestandenen Profis wie Seedorf Freudentränen über die Wangen kullerten.

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