Jahrelang waren Medeski, Martin & Wood durch amerikanische Collegestädtchen gefahren und vor kleinem Publikum aufgetreten. Dann wurden sie berühmt, so zwischendurch: Vor zehn Jahren spielte die Jam-Band Phish während einer Konzertpause eine Platte des Trios. Jetzt kommen oft mehr als 2000 Besucher, um es zu hören.

Leute, die MM&W mögen, hätten von Jazz oft keine Ahnung, sagt der Organist John Medeski. "Sie sind jung und wollen es einfach wissen. Sie wollen etwas Magisches erleben." Die MM&W-Sozialisation verlaufe über die Jam-Bewegung, also über rockorientierte und endlos improvisierende Gitarrenbands im Zwei-Akkorde-Freistil der Endsechziger, berichtet Medeski.

"Jeder bezieht sich auf den Groove", sagt der Schlagzeuger Billy Martin. "Das interessiert die Kids, sie wollen sich bewegen und dabei etwas erleben. Bei uns treffen sie eine Band, die sie zudem mit bluesbasierten Riffs und spontaner Improvisation noch kräftig durchschüttelt. Sie hören solche Musik teilweise zum ersten Mal, dann erzählen sie ihren Freunden davon und bringen die zum nächsten Konzert mit."

Jam-Fans reisen und feiern gern. Sie schneiden Konzerte mit und verbreiten die Aufnahmen im Internet. Die Bands erlauben das nicht nur, sie wünschen es. Denn so werden sie bekannt. Es ist ihre einzige Werbung. Und sie wissen: Ihre Fans sammeln diese Live-Mitschnitte und wollen damit kein Geld verdienen.

Jam ist ein Panorama aus Rock, Funk, Bluegrass und HipHop. Die Stile werden nicht vermischt, sondern bestehen nebeneinander. Zudem ist der historische Bezug wichtig: The Greatful Dead, Jimi Hendrix und Miles Davis – Musiker der sechziger und frühen siebziger Jahre, die ein Live-Stück oft über zwei LP-Seiten streckten. Der Gitarrist John Scofield sagt, die Jam-Bewegung habe dem Jazz sehr genützt. "In Europa gab es ja schon immer ein Publikum für Jazz und Improvisation und in den USA ein alternatives Rockpublikum. Jetzt gibt es da auch ein Publikum, das an improvisierter Instrumentalmusik interessiert ist."

John Medeski tut sich mit der Bezeichnung Jam schwer. Er findet, dem Begriff fehle im Gegensatz zum Jazz die Abstraktheit. Man könne glauben, musikalisch sei da nicht viel los. Er erlebt schon die zweite Jam-Generation auf seinen Konzerten: "Wir sprechen hier von 15- bis 18-Jährigen, die zu unseren Konzerten kommen und begeistert sind. Sie sind sehr offen für improvisierte Musik. Diese Menschen suchen nach einer kathartischen Erfahrung, einem Erlebnis, das einem nur die improvisierte Musik bieten kann. Das zeichnete ja vor allem einst den Jazz aus. Es ist die Magie des Augenblicks, die Aura des Spontanen sozusagen, die diese Musik transportiert. Dass man vor allem deswegen Musik macht, um damit viel Geld zu verdienen, hat das natürliche Verhältnis, das die Menschen einst der Musik gegenüber hatten, kräftig verzerrt. Jam hingegen bedient das Bedürfnis nach der unmittelbaren musikalischen Erfahrung. Was die Bands spielen, ist tatsächlich oft sehr simpel, diese Mischung aus zwei, drei Akkorden, etwas Groove, Pop und Southern Rock ist es gar nicht, sondern die Improvisation macht's. Zu dieser Erfahrung – Publikum, Musiker, Improvisation, Spannungsbogen – gibt es keine Alternative. Die Attraktivität, die der Jazz früher mal hatte, kam mit der Jam-Band-Szene zurück."

Die amerikanische Jazzszene habe versäumt, ein junges Publikum anzulocken, sagt John Medeski. Man starre bloß auf die europäischen Festivals und kümmere sich wenig um die eigene Szene. Vom Neotraditionalisten Wynton Marsalis redet er heute mit großem Respekt. Marsalis sei es gelungen, klassischen Jazz einem neuen Publikum schmackhaft zu machen. Als Medeski ihn vor 20 Jahren zum ersten Mal traf, seien viele seiner Ansichten noch schwarz-rassistisch verzerrt gewesen.