Die Vision des Wikipedia-Gründers Jimmy Wales, das gesamte Weltwissen auf einer Internetseite zu versammeln, hat sich zu einer der größten Erfolgsstorys des Internets entwickelt. In sechs Jahren hat eine weltumspannende Gemeinschaft von Autoren über sieben Millionen Artikel in mehr als 250 verschiedenen Sprachen angelegt. Nach einer Umfrage des Pew Internet & American Life Project schlagen 36 Prozent der US-Amerikaner in der Wikipedia nach, wenn sie etwas wissen wollen. Die Internet-Enzyklopädie, die vor sechs Jahren als idealistisches Außenseiter-Projekt startete, an dem jeder Internetnutzer mitschreiben kann, gehört heute zu den zehn größten Webseiten der Welt.

Conservapedia - Enzyklopädie für Anti-Liberale

Nun erwacht Widerstand gegen die vermeintliche Wissens-Allmacht der Wikipedia. Der konservative US-Aktivist Andrew Schlafly etwa echauffiert sich über den "liberal bias" - die allzu weltliche Lebensanschauung der Wikipedia-Autoren - die sich auch in den Artikeln des Projekts niederschlage. Er will sogar festgestellt haben, dass Wikipedia "sechs Mal so liberal wie die US-Bevölkerung" ist.

Weitgehend vergeblich versuchen Konservative immer wieder, ihre Standpunkte in der Wikipedia prominent zu platzieren: Andere Autoren streichen die Theorien von Anhängern der Schöpfungslehre oder Abtreibungsgegnern immer wieder aus den Artikeln heraus. Zwar gilt der "Neutral Point Of View" - der neutrale Benutzerstandpunkt - als oberstes Gebot für Wikipedianer. Doch was genau ist neutral? Schlafly glaubt nicht an die Neutralität der Wikipedia. In einem Radio-Interview erklärt er: "Eine Enzyklopädie kann niemals neutral sein."

Schlafly hat die Konsequenz gezogen und kurzerhand eine eigene Online-Enzyklopädie gegründet, die seine Standpunkte vertreten soll: die Conservapedia. Die Online-Enzyklopädie will eine Heimstatt sein für alle Amerikaner, die das Wort "liberal" als Schimpfwort gebrauchen und die ihre Kinder lieber zu Hause unterrichten, als sie in die öffentliche Schule zu schicken.

Als die Conservapedia Anfang des Jahres mit großem Presseaufgebot vorgestellt wurde, erschien sie zunächst als eine Einladung an Fundamentalisten und Wirrköpfe, sich auf der neuen Spielwiese auszutoben. Und so wimmelte es recht bald von recht wunderlichen Aussagen, die eher eine Parodie konservativer Standpunkte darstellten. So stellte ein Artikel die USA schlicht als "Das Land, in dem wir leben" vor - bis ein anderer Autor ergänzte, dass die Gründerväter der Nation den Mammon anbeteten.

Dass mit einer solchen Ansammlung von teilweise wirren Glaubenssätzen kein Staat zu machen ist, wurde auch den Conservapedia-Verantwortlichen klar. Es stellte sich nebenbei heraus, dass es gar nicht so einfach ist, konservative Ansichten auf einen Nenner zu bringen. So glaubt nicht jeder US-Konservative daran, dass die Erde nur 6000 Jahre alt sei.

Die Conservapedia ist derzeit - wenn auch nicht auf dem Weg zur Neutralität - in einer Orientierungsphase. Stolz heißt es in der Projektbeschreibung, im Gegensatz zu Wikipedia finde man hier die Wahrheit über Kuba: Das Land werde seit 1959 von einem kommunistischen Diktator beherrscht. In der aktuellen Fassung des Kuba-Artikels fehlt diese Passage jedoch. Stattdessen findet sich eine relativ differenzierte Darstellung des Verhältnisses der USA zu dem kommunistischen Staat.

Auch in anderen Bereichen ist man von allzu unkritischen Darstellungen abgekommen. Statt wie zu Beginn zu behaupten, dass Gott dem Känguru starke Beine zum Hüpfen verliehen habe, zitiert die Enzyklopädie nun nur noch die Standpunkte von Anhängern der Schöpfungslehre, die der Überzeugung sind, dass die Vorfahren des Kängurus von der Arche Noah gerettet wurden .

Geradezu großzügig teilen die Konservativen in ihrer Enzyklopädie sogar mit, dass es drei widerstreitende Theorien zur Entstehung der Erde gebe - die nicht-biblische Sicht wird allerdings in nur drei Zeilen abgehandelt. Eine Retourkutsche auf den Wikipedia-Artikel über die Erde, in der die biblische Sicht ganz fehlt. Insgesamt hat sich die Conservapedia vom wütenden anti-liberalen Aufschrei zu einem Projekt gewandelt, das sich zumindest bemüht, nicht jeden Andersdenkenden sofort vor den Kopf zu stoßen. Immerhin kann sich das Projekt über einen steten Zulauf freuen. Immerhin 8900 Artikel wurden in der kurzen Zeit seit Anfang 2007 gesammelt.

Citizendium - Wikipedia für Profis

Nach Zahlen nicht ganz so erfolgreich ist das Projekt Citizendium . Knapp 1700 Artikel finden sich auf der Webseite, die von einem der Mitgründer der Wikipedia ins Leben gerufen wurde. Larry Sanger war im ersten Jahr des Bestehens eine Art Oberaufseher über die Wikipedia-Gemeinde. Doch als er im Streit aus dem Projekt ausstieg, wurde er von einem der einflussreichsten Vordenker der Wikipedia zu einem ihrer schärfsten Kritiker. Er beschuldigte die Wikipedia-Gemeinde, eine "anti-elitistische Haltung" einzunehmen. In den vergangenen Jahren versuchte er immer wieder, Konkurrenzprojekte anzustoßen.

Sein neustes Projekt soll eine verlässliche Alternative zur Wikipedia werden. Denn das Prinzip, einfach jeden Internet-Nutzer an Enzyklopädie-Artikeln mitschreiben zu lassen, habe sich nicht als erfolgreich erwiesen, argumentiert Sanger. "Das System Wikipedia ist defekt - ohne Aussicht auf Reparatur." Die notorischen Glaubwürdigkeitsprobleme der Wikipedia sind Wasser auf seine Mühlen. Fast jede Woche findet man in den Medien Berichte über Fehler und Manipulationen in Wikipedia-Artikeln - Politiker schönen ihre Biografien, Spaßvögel verbreiten falsche Todesnachrichten per Wikipedia.

Sangers Rezept gegen das Chaos: An seinem Projekt dürfen nur vertrauenswürdige Mitarbeiter mitschreiben. Wer am Citizendium teilnehmen will, muss sich erst mit vollem Namen anmelden und auch einen Lebenslauf einreichen, um seine Expertise zu beweisen. Statt falsche Fakten durch einen ungeordneten ständigen Redaktionsprozess auszumerzen, will Sanger dafür sorgen, dass erst gar keine falschen Inhalte in seine Online-Enzyklopädie gelangen. Hat ein Artikel ein gewisses Qualitätsniveau erreicht, wird er mit einem Siegel ausgezeichnet: "approved" - überprüftes Wissen. Damit schlägt Sanger der Wikipedia ein Schnippchen, die schon ein Jahr lang ein solches Siegel plant, aber bisher noch nicht eingeführt hat.

Obwohl Larry Sanger als erster Chefredakteur der Wikipedia jede Menge praktischer Erfahrung mit Gemeinschafts-Enzyklopädien hat, mutet sein Kurs wie ein Eiertanz an. So startete er mit dem großzügigen Import von Wikipedia-Artikeln, die er in einem ausgefeilten Redaktionsprozess veredeln wollte. Doch jetzt hat er die Aktion "Das große Reinemachen" gestartet, um die Inhalte der Amateur-Enzyklopädie wieder zu löschen.

In seinem Blog verkündet er, dass seine Redakteure lieber komplett eigene Inhalte schreiben wollten. Angesichts solcher Kehrtwendungen wundert es nicht, dass die laut Statistik angemeldeten 30.000 Citizendium-Autoren wenig produktiv sind. Und die Qualitätskontrolle will auch noch nicht so recht funktionieren: Insgesamt haben die Citizendium-Redakteure erst 13 Artikel als "approved" gekennzeichnet.

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