Das neue Durchleuchtungsgesetz verlangt von bis zu 700.000 Polen, Auskunft zu geben über ihre Verwicklungen mit den Geheimdiensten während des kommunistischen Regimes. Dafür müssen seit Mitte April Politiker, Journalisten, Wissenschaftler, Juristen und selbst Personen der freien Wirtschaft eine Erklärung unterschreiben. Die Angaben werden anhand früherer Geheimdienstakten überprüft, die Ergebnisse samt Namen im Internet veröffentlicht. Wer falsche Angaben macht, erhält ein zehnjähriges Berufsverbot, wer sich nicht durchleuchten lässt, verliert seine Arbeit. Das droht auch dem Europaabgeordneten Bronislaw Geremek, der seine Unterschrift verweigert. Der frühere Dissident greift das neue, wesentlich radikalere Gesetz scharf an. Er hat sich bereits vor Jahren durchleuchten lassen.

ZEIT online: Herr Geremek, sind Sie weiterhin noch Abgeordneter des Europäischen Parlaments?

Bronislaw GEREMEK: Ich weiß es nicht. Zumindest habe ich mein Mandat nicht niedergelegt.

ZEIT online: Also werden Sie Ihre Funktion weiter ausüben?

GEREMEK: So lange Hans-Gert Pöttering, Präsident des Europäischen Parlaments, mir nicht das Gegenteil sagt, werde ich weiterhin als Abgeordneter arbeiten. Tausende Polen haben mich immerhin dazu gewählt.

ZEIT online: Das hat Ihnen aber die polnische Regierung angedroht, weil Sie sich nicht lustrieren lassen wollten.

GEREMEK: Die regierungsnahe Zeitung Dziennik hat geschrieben: "Bronislaw Geremek hat sein Mandat als Europäischer Abgeordneter verloren."

ZEIT online: Haben Ihre polnischen Kollegen Sie denn unterstützt?

GEREMEK: Ich habe die Entscheidung, die Erklärung nicht zu unterschreiben, ganz bewusst allein getroffen. Andere haben die Lustrationserklärung unterschrieben, aber die selbe Meinung wie ich. Ich habe es als meine moralische Pflicht empfunden, dieses Risiko auf mich zu nehmen. Beifall oder Unterstützung habe ich nicht erwartet.