Mithal al-Alusi ist Vorsitzender der Demokratischen Partei der Irakischen Einheit und sitzt als deren Abgeordneter seit 2005 im Parlament in Bagdad. Zentrales Anliegen des sunnitischen Politikers ist die Schaffung eines säkularen Staates. Alusi ist nach 15 Jahren politischen Exils nach dem Sturz Saddam Husseins in den Irak zurückgekehrt und war Vorsitzender des Nationalen Komitees zur "De-Baathifizierung". Nach einem Israel-Besuch 2004 verlor er diesen Posten und gründete eine eigene Partei. Er selbst hat mehrere Anschläge überlebt. Bei einem Attentat auf sein Auto im Februar 2005 wurden seine beiden Söhne und der Fahrer getötet. ZEIT online sprach mit ihm über die am Donnerstag begonnene Irak-Konferenz in Scharm el-Scheich und über die Lage im Irak.

ZEIT online: Welche Ergebnisse erwarten Sie von der Konferenz?

Mithal al-Alusi: Die Agenda ist sehr schwierig. Das liegt vor allem daran, dass so viele verschiedene Seiten beteiligt sind und dies die ganze Situation im Irak sehr komplex macht. Es wäre naiv anzunehmen, dass sich die iranischen und amerikanischen Interessen irgendwie überschneiden oder vereinbaren lassen und beide Seiten womöglich gemeinsam zu einer Lösung beitragen. Das ist illusorisch. Außerdem ist es wenig wahrscheinlich, dass irgendeines der nahöstlichen Regime durch diese Konferenz seine Politik ändert. Wenn ich es kurz fassen soll: Diese Konferenz steht vor mächtigen Problemen und ich glaube nicht an einen realen Erfolg.

ZEIT online: Was müsste denn kurzfristig erreicht werden?

Al-Alusi: Um überhaupt irgendeinen politischen Fortschritt zu erzielen, müssen wir erst einmal die Sicherheitslage in Bagdad und im Rest des Landes unter Kontrolle bringen. Das wissen auch die Iraner und die Syrer. Aber ihre Politik ändern? Iran hat das Atomprogramm, von dem die Führung in Teheran sagt, es hätte einen rein zivilen Nutzen. Persönlich habe ich keinerlei Vertrauen in die iranische Propaganda. Sie versuchen, Zeit zu gewinnen. Gleichzeitig rüsten sie die Milizen im Irak auf, um Amerika unter Druck zu setzen. Außerdem haben wir da noch Hamas und Dschihad in Palästina, Hisbollah im Libanon, das syrische Regime und al-Qaida. Sie sind alle gegen jedwede Form eines demokratischen Systems und sie mischen alle mit. Es ist gefährlich, wenn der Irak Geisel iranischer und syrischer Politik wird.

ZEIT online: Sie glauben also, dass eine Mischung aus ausländischen Kräften und irakischen Milizen für die derzeitige Situation im Irak verantwortlich ist?

Al-Alusi: Das ist nicht, was ich glaube, sondern das sind Fakten. Iran und Syrien unterstützen beide den Terror im Irak, egal unter welchen Namen. Meiner Meinung nach versucht das iranische Regime, den Nahen Osten unter seine Kontrolle zu bekommen.

ZEIT online: Der irakische Premierminister betont, es herrsche kein innerirakischer Bürgerkrieg. Teilen Sie diese Meinung?

Al-Alusi: Ja und nein. Es gibt keinen Bürgerkrieg, aber es gibt sehr klare Differenzen zwischen den irakischen Parteien. Die Regierung hat bislang nicht verstanden, im Auftrag aller Iraker zu handeln. Die islamischen Parteien, aus denen die Regierung größtenteils besteht, haben kein Interesse, ein funktionierendes politisches System zu etablieren. Und sie haben auch kein Interesse daran, dass ein Friedensprozess auf den Weg gebracht wird oder ein funktionierendes Wirtschaftsprogramm.

ZEIT online: Immerhin gab es Wahlen und es gibt eine Regierung.

Al-Alusi: Ja, Saddam Hussein ist gestürzt, wir haben Wahlen hinter uns, auf die wir sehr stolz sind. Aber die islamischen Parteien versuchen nun, die Freiheiten der Menschen zu beschränken. Sei es die Beschneidung von Frauenrechten, sei es die Meinungsfreiheit. Sie haben nichts anderes zu tun, als die Gesellschaft zu drangsalieren und zu terrorisieren.