Rheinland-Pfalz ist anders. Die Landeshauptstadt Mainz ist ruhig, unaufgeregt und gemütlich. Jeder kennt jeden, vor allem der Ministerpräsident. In der vergangenen Woche zum Beispiel besuchte Beck ein Pfälzer Unternehmen, das mit viel "Leistungs- und Innovationskraft" Kunststoffe herstellt, und er freute sich darüber, dass die Sparkassen des Landes sich gut entwickeln. Zur selben Zeit, zu der die CDU-Vorsitzende und Kanzlerin in Berlin den scheidenden französischen Präsidenten Jacques Chirac zum weltpolitischen Tete-a-Tete empfing, zerbrach sich ihr SPD-Kollege den Kopf darüber, ob zwischen Mainz und Koblenz eine weitere Rhein-Brücke oder ein Tunnel gebaut werden soll.

Zwischen der Kanzlerin und dem möglichen Herausforderer liegen mittlerweile politische Welten. Manche Zuarbeiter im Willy-Brandt-Haus sind verzweifelt. Beck gilt als beratungsresistent, er hört lieber auf seine Vertrauten in Mainz statt auf die Fachleute in der Parteizentrale und der Bundestagsfraktion. Zudem gelingt es ihm nicht, die Debatte um ein neues Grundsatzprogramm mit Leben zu füllen. Da rächt sich nun, dass der Programmentwurf seinem Vorgänger Platzeck auf den Leib geschrieben war.

Anders als Platzeck ist Beck kein Freund von Grundsatzdebatten. Stattdessen hat er ohne Not eine Diskussion um die Zahl der stellvertretenden Parteivorsitzenden angezettelt. Jetzt streitet die ganze Partei darüber, ob die SPD zukünftig statt fünf nur noch drei Vizevorsitzende haben soll. Personalfragen sind Machtfragen, und so hat Beck die Flügelkämpfe in seiner Partei damit erst so richtig angeheizt. Die Parteilinken drängen schließlich seit Langem auf einen personellen und programmatischen Kurswechsel. Die Idee des vorsorgenden Sozialstaates gefällt ihnen so wenig wie die Schrödersche Reformagenda; stattdessen will die Parteilinke in den kommenden Monaten die Debatte um das neue Grundsatzprogramm nutzen, um die SPD wieder mit alter Umverteilungsrhetorik zu profilieren.

Das Vorbild ist Frankreich. Dort hatte die sozialistische Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal mit einem polarisierenden Wahlkampf und linken Parolen versucht, den Élysée-Palast zu erobern. Mit einem Achtungserfolg zwar, aber am Ende vergeblich. Und so gratulierte Beck der Kandidatin der Schwesterpartei zwar höflich und pflichtschuldig zu ihrem guten Wahlkampf. Insgeheim allerdings wird der froh sein, dass ihm eine sozialistische Präsidentin im Nachbarland erspart bleibt. Denn als Vorbild für einen Linksruck der SPD in Deutschland taugt Royal nun nicht mehr. Man könnte fast meinen, diese Woche hätte für Kurt Beck schon gut begonnen.

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