Jungen und Mädchen in Trachten üben noch einmal ihre Tänze ein, und Raimar Neufeldt, Leiter des Mehrgenerationenhauses in Elmshorn rückt seine Krawatte zurecht. Denn hoher Besuch steht an: Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen besichtigt eines der ersten Mehrgenerationenhäuser Norddeutschlands.

Bereits im Oktober des vergangenen Jahres, während der ersten Ausschreibungsperiode, erhielten Neufeldt und sein Team den Zuschlag für den Betrieb einer Begegnungsstätte für Jung und Alt vom Bundesfamilienministerium. Einst 1982 als „Dittchenbühne“ gegründet, wollten die Betreiber ein Forum für Vertriebene aus Pommern und Ostpreußen bieten. Schnell entwickelte sich die Dittchenbühne jedoch zur sozio-kulturellen Begegnungsstätte, richtet Veranstaltungen für alle Altersgruppen „vom Säugling bis zum Greis“, so Neufeldt, aus. Lesungen, Theateraufführungen und Konzerte ergänzen das Programm. Außerdem besuchen 60 Jungen und Mädchen den Kindergarten, Senioren machen sich während Computer-Seminaren fit fürs Internet, und im Integrationsbüro erfahren Aussiedler, vornehmlich aus Polen, Russland und Litauen, Hilfe bei der Bewältigung von Alltagssorgen und Behördengängen. Der Betrieb finanziert sich bisher aus Mitgliederbeiträgen, Spenden und Einnahmen aus dem Kulturprogramm. Seit zwei Jahren entsteht rund um das Gebäude der Dittchenbühne ein neuer Stadtteil. Vornehmlich junge Familien haben sich dort angesiedelt. „Daher erschien es uns sinnvoll, uns an der Ausschreibung zu beteiligen. Wir hatten im Vorfeld schon alle Voraussetzungen für einen Generationentreffpunkt erfüllt.“

500 Mehrgenerationenhäuser sollen bis bereits Ende diesen Jahres in Deutschland entstehen, in jedem Landkreis und in jeder Stadt ein Haus. Etwa 200 Treffpunkte sind schon zertifiziert, und fast jede Woche trifft ein neuer Antrag beim Bundesfamilienministerium in Berlin ein. Die Anlagen sind meist schon in ihrer Region verwurzelt, engagieren sich etwa seit vielen Jahren als Mütterhilfe- oder Seniorenzentrum. Das ist auch eine der Bedingungen für den Erfolg eines Antrags.

Mit diesen Häusern will Ursula von der Leyen den Zusammenhalt in der Gesellschaft verbessern. Ältere Menschen sollen mehr am Alltagsleben teilnehmen. „Die Idee dazu gründet sich auf meinen Erfahrungen in der Großfamilie”, berichtet von der Leyen. Einst mit sechs Geschwistern in Niedersachsen aufgewachsen und nun selbst Mutter von sieben Kindern, habe sie erfahren, wie viele Alltagskompetenzen – Kultur, Teamfähigkeit und clevere, selbstsichere Bewältigung von Problemsituationen sowie „instinktive” Erziehung – von Generation zu Generation weitergegeben werden. Diese Erfahrungen hält von der Leyen für ein Stück Kultur und dürfen ihrer Ansicht nach nicht verloren gehen.

Unter einem Dach will sie soziale Hilfe und Dienstleistungen bündeln: Das können Angebote sein wie eine Fachberatung und Sprachkurse für Migranten, ein Leihoma-Dienst oder ein Senioren-Erzählcafé. Dazu werden Kindertagesstätten und -Krippen in die Mehrgenerationenhäuser integriert. Wichtig sind dabei auch die offenen Treffpunkte, Räume, in denen die Rentnerrunde Doppelkopf spielt oder sich Teenager zum Klönen verabreden können.

Neu ist die Idee nicht. Das Projekt Mehrgenerationenhäuser zeigt, wie zäh von der Leyen an einst von ihr ins Leben gerufenen Konzepten festhält. Bereits 2003 initiierte sie, damals Ministerin für Soziales, Gesundheit und Familie in Niedersachsen, die ersten Begegnungsstätten für Alt und Jung in ihrem Bundesland. Mehrgenerationenhäuser galten ihr als positive Antwort auf den Wandel der Familienstrukturen. Wie aktuell auch auf Bundesebene konnten sich verschiedene Träger wie Arbeiterwohlfahrt, Diakonie oder auch private Einrichtungen um Förderungsgelder als Mehrgenerationenhaus bemühen. Damals gelang es ihr scheinbar, Finanzen für ihr ehrgeiziges Vorhaben lockerzumachen, jenseits ihrer vom Bund vorgegebenen Pflichtaufgaben.