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In der Kirche erlebte Schwester Juliane, damals hieß sie noch Britta Flormann, keine Nächstenliebe. "Ich verlor früh den Glauben ", erinnert sie sich. "Denn ohne Nächstenliebe konnte es Gott nicht geben." Kurz vor dem Abitur versuchte sie dennoch, sich wieder an die katholische Religion heranzutasten. Da geschah etwas Merkwürdiges mit ihr: "Von ganz tief drin fühlt’ ich, ich sollt’ ins Kloster gehe, um ganz für Gott da zu sein – und dacht’: des is a Schmarrn, des gibt’s doch net mehr heutzutag", erzählt sie in kräftiger Mundart. Sie war ja nicht einmal sicher, ob sie überhaupt an Gott glaubte.

Drei Jahre lang trug sie dieses Gefühl mit sich herum. Der Film Geschichte einer Nonne schreckte sie ab und bestätigte alle Vorurteile. "Ich versuchte mich zu überzeugen, dass das Ordensleben nichts für mich sei", erzählt sie. Nach ihrer Banklehre betete sie erstmals seit Jahren in einer Kirche. In der Hoffnung, ihre innere Stimme zum Verstummen zu bringen, entschied sie, sich Klöster anzusehen. "Dann bin ich nach Sießen gekommen", sagt sie lachend. Sießen im baden-württembergischen Bad Saulgau ist das Kloster, in dem sie heute lebt.

Während ihres Besuchs dort war sie zunächst schockiert vom streng geregelten Tagesablauf: "Um fünf Uhr klingelt der Wecker!" Dennoch spürte sie an ihrem letzten Tag die Berufung, in genau dieser Gemeinschaft von Franziskanerinnen leben zu wollen. An einem 1. April war das, "aber kein Aprilscherz", sagt Schwester Juliane schmunzelnd. "Der liebe Gott hat halt Humor."

Zum Lachen war ihr dennoch nicht zumute, als sie nach Hause fuhr. Im Gegenteil, sie war ziemlich erschrocken. "Um Gottes Willen, alles, bloß das nicht!", dachte sie. Ihre Eltern warfen ihr vor, sie lasse ihren jüngeren, geistig und körperlich behinderten Bruder im Stich. "Es war immer klar und stand auch im Testament der Eltern, dass ich ihn eines Tage bei mir betreuen würde." Im Kloster war das unmöglich. Mit dem Bruder reiste sie in die USA, probierte alles Mögliche aus, um ihre Sinne auf anderes zu lenken. Dann bot ihr Arbeitgeber, eine Bank, ihr eine Stelle in der Innenrevision an. Britta Flormann musste sich entscheiden. "Zum Schock meines Chefs war mein Herz im Kloster", erinnert sie sich. Als sie das Bankgebäude verließ und am Brautmodengeschäft nebenan vorbeiging, schwankte sie abermals. Sie wollte doch eine Familie haben, war ja auch schon verliebt gewesen und hatte kurz einen festen Freund gehabt ...

Schließlich siegte der Glaube doch über ihre Zweifel. "Ich werde Gottes Existenz zwar nie beweisen können, mein Verstand kann ihn nicht erfassen. Aber es gibt so viele Wunder, dass ich einfach glaube, es gibt jemanden, der sie bewirkt", sagt sie heute. Ganz stark empfand sie das in dem Moment, als ihr Großvater starb. "Auf einmal war in dem Raum eine freudige Atmosphäre – und ich spürte, dass jenseits des Todes etwas weitergeht."

Heute heißt Britta Flormann Schwester Juliane und ist stellvertretende Ökonomin des Klosters Sießen. Als solche hat sie erheblich dazu beigetragen, das Aktienkapital des Klosters zu 100 Prozent nachhaltig anzulegen, Renten zu 70 Prozent. Damit gilt Sießen als Vorreiter unter den deutschen Klöstern. Durch die Anlage soll das Altersvorsorgevermögen des Klosters, rund zehn bis fünfzehn Millionen Euro, erhalten werden. Stabile Renditen sind das zweite Ziel. Die Sießener Schwestern bewegten die HypoVereinsbank (HVB) dazu, für die Sonderwünsche des Klosters einen eigenen Aktienindex zu entwickeln. "Meine Vision ist, dass Nachhaltigkeit in Zukunft kein gesondertes Thema mehr ist, sondern Normalität bei Geldanlagen", erklärt Schwester Juliane.

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Konventionelle Geldanlagen kommen für sie nicht infrage. Schließlich war es eine Maxime des heiligen Franziskus, ihres Ordensgründers, mit den Menschen und der Schöpfung verantwortlich umzugehen. Viele Angebote der HVB lehnte sie zunächst rundweg ab. Zum Beispiel versuchte es die Bank mit einem Zertifikat auf den Dow Jones Sustainability Index . Doch "den Index können Sie doch knicken, der lässt zu viel zu", kommentiert Schwester Juliane. Verhandlungen folgten. "Auch dabei ist sie spaßig, aber bestimmend, sobald es ernst wird. Sie ist sehr versiert und weiß genau, was sie will", erzählt Reinhold Forster von der HVB. Er war es, der schließlich nach den Wünschen des Klosters einen Nachhaltigkeitsindex baute. Dieser ist die Basis für Zertifikate der HVB, die das Kloster zeichnet.

Seit vergangenem März ist die Ordensfrau auch Vorstandsmitglied des Vereins für ethisch orientierte Investoren CRIC. Gerne hätte sie schon 2006 zur Wahl gestanden. Doch erst jetzt gab die Chefin, Schwester Maria, ihren Segen – es ist ja nicht gerade üblich, dass sich eine Nonne in einer weltlichen Organisation engagiert. Schwester Juliane aber hält inzwischen auch Vorträge vor Investoren. Sie bewegte sich stets auf weltlichem Boden, ob in ihrer Ausbildung zur Bankkauffrau, in den ersten Berufsjahren oder im Betriebswirtschafts-Studium, Schwerpunkt Controlling, das sie fünf Jahre nach ihrem Eintritt in den Orden begann. An der Uni, erzählt eine Freundin, genehmigte sie sich entgegen katholischer Regeln auch mal freitags ein Pausenbrot mit Wurst.

Ursprünglich wollte sie gar nicht in der Verwaltung des Klosters arbeiten, sondern "Soziales tun", wie sie es nennt, "Menschen zeigen, dass Kirche anders sein kann, als ich sie als Kind erlebte." Doch ihre Mitschwestern waren ihr dankbar, dass sie den unbeliebten Finanz-Job übernahm. "Bis heute muss ich mich immer wieder neu dafür entscheiden und mir sagen: Ich halte ihnen die Hände frei, damit sie etwas Soziales tun können", sagt sie.

Vielleicht wäre sie für Seelsorgerisches auch gar nicht geeignet. "I bin net das, was man von ner klassische Ordensschwester erwart", sagt sie in ihrer raschen Sprechweise. Sie könne gar nicht gut zuhören, und manchmal fehle ihr die Geduld, auf Menschen einzugehen: "Hoher IQ, aber niedriger EQ eben", gesteht sie. Manchmal, wenn jemand unzuverlässig sei, könne Schwester Juliane richtig wettern, erzählt ihre Vorgesetzte, Schwester Maria. "Sie ist gradlinig und zielorientiert, und erwartet das auch von anderen." Mit Menschen zusammenzuarbeiten, die ihr Tempo nicht halten können, falle ihr schwer, und ebenso schwierig sei es für sie, eigene Fehler einzugestehen.

Ihren "Chef", Schwester Maria, bewundert sie dafür, dass sie Gott auch bei der trockenen Zahlenarbeit nie aus den Augen verliere. Ihr hingegen passiere es schon mal, dass sie vergesse, wofür sie ihre Arbeit tue. Auch das Gebet komme manchmal zu kurz, bedauert Schwester Juliane, aber ihre konzentrierte Arbeit werde sicher auch als Gebet akzeptiert. Schließlich habe sie sich ihre Aufgabe ja nicht ausgesucht. "Der heilige Geist muss damit leben, dass ich nicht ständig den Rosenkranz in der Hand habe, sondern die Tastatur", lacht sie mit verschmitzten Augen hinter dem schlichten schwarzen Brillengestell.

Einmal, nach dem Gelübde auf Lebenszeit, wurde ihr Abstand zu Gott gar zu groß, weil sie völlig ausgelaugt war. Schwester Maria war krank, Juliane musste monatelang die Arbeit im Kloster alleine bewältigen und zugleich ihr Studium beenden. "Da war sie immer die Beste, erklärte anderen den Stoff und legte sich auch mit Professoren an, wenn sie anderer Meinung war", erinnert sich eine Studienfreundin. Nächtelang schuftete Schwester Juliane durch. Selbst in den dafür vorgesehenen Zeiten kam sie nicht zum Gebet. "Da erlebte ich, wie mich die Gemeinschaft trug: Als ich ansprechen durfte, dass ich in allem Gott nicht mehr sehe, traf ich nicht auf eine moralische Keule, sondern auf Verständnis: "Wir beten und wir glauben für dich mit", sagten mir die Schwestern." Ein langer Urlaub am Bodensee, wo sie nach Herzenslust kochte, backte und wanderte, gab ihr danach Kraft und den Glauben zurück.

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Zur nachhaltigen Geldanlage kam die Franziskanerschwester als Novizin. Die Prinzipien des heiligen Franziskus veranlassten die Sießener Schwestern, Wege zu suchen, ihr Kapital verantwortlich anzulegen. Angebote dafür gab es zunächst keine. Also forderte das Kloster Konzepte von seinen Hausbanken. Diese lehnten die "weltfremde Spinnerei" zunächst ab. Eine Bank war nicht zu überzeugen, das Kloster trennte sich von ihr. Zwei andere ließen sich erst nach langen Diskussionen auf die Vorgaben der Schwestern ein. Das Kloster erreichte überdies, dass ein bereits existierender Spezialfonds für Klöster und andere kirchliche Einrichtungen auf Nachhaltigkeit umgestellt wurde, trotz der anfänglichen Skepsis der Investoren. "Es bedurfte großer Hartnäckigkeit, eines langen Atems und Mut, trotz aller Widerstände auf unserer Sicht zu beharren und gleichzeitig zu Kompromissen bereit zu sein, wo eine komplette Umsetzung nicht sofort möglich war", erinnert sich die Ordensfrau.

Vom Fondsmanager einer Bank trennte sich das Kloster, weil er den vorgegebenen ethischen Filter nicht konsequent umsetzte. Zu allem Übel schob der Mann schlechte Renditen auf die ethischen Grundsätze, die er beachten sollte. "Das kann nicht funktionieren", sagt Schwester Juliane. Auch erzielten, wie sie sagt, die drei nachhaltigen Vermögensanlagen bei anderen Banken trotz der Filter vernünftige Erträge. Das Kloster stellte seine Bank vor die Wahl: Entweder würde ein überzeugender Fondsmanager die Gelder der Schwestern verwalten oder das Kapital würde abgezogen. Die Bank engagierte einen anderen, der nun mit den Sießener Geldern gute Renditen erzielt.

Gerne würde Schwester Juliane noch mehr tun. "Wir haben über eine Solaranlage und ein Blockheizkraftwerk nachgedacht – aber der Denkmalschutz sitzt uns im Nacken." Und so steht das barocke Kloster wie eh und je mitten in einer Landschaft aus Wiesen und Wäldern, in die sich die lebhafte Nonne zurückzieht, wenn sie Ruhe braucht.