Der Deutsch-Schwede Jakob von Uexküll hat 1980 den alternativen Nobelpreis gestiftet. Mit ihm werden jedes Jahr Menschen ausgezeichnet, die sich gegen Umweltzerstörung, für Kleinbauernprojekte in Entwicklungsländern, die Menschenrechte oder alternative Energien einsetzen. An diesem Donnerstag gründet er in Hamburg den Weltzukunftsrat, ein Gremium von 50 Wissenschaftlern, Politikern und Künstlern aus aller Welt, welche die Interessen der künftigen Generationen vertreten sollen. ZEIT online sprach mit ihm über die Ziele und Aufgaben dieses Rats.

ZEIT online: Sie haben 1980 den Alternativen Nobelpreis gestiftet. Was bewegt Sie jetzt mit 62 Jahren, wo andere sich allmählich zur Ruhe setzen, den Weltzukunftsrat zu gründen?

Jakob von Uexküll: Ich erwähne mein Alter nicht gerne, weil dann alle immer gleich denken, ach, ein typischer 68er. Ich habe auch nichts geopfert, als ich den Preis gestiftet habe. Wenn ich mir damals von dem Geld, das ich mit Briefmarkenhandel verdient habe, ein dickes Autos gekauft hätte, hätte ich nur einen Bruchteil der Genugtuung bekommen, die ich durch den Preis habe. Jedes Jahr bekommen wir Vorschläge aus der ganzen Welt. Ich treffe Menschen, die tagtäglich wesentlich mehr riskieren als ich. Man sieht, dass diese Menschen nicht aufgeben und Erstaunliches erreichen. Der Preis unterstützt sie in dieser Arbeit. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass das nicht reicht.

ZEIT online: Was soll der Weltzukunftsrat bewirken?

Von Uexküll: Die Projekte, die wir auszeichnen, werden oft Projekte der Hoffnung genannt. Es gibt zwar immer größere Nischen, in denen sich ein anderes Leben und Wirtschaften entwickelt. Aber global gesehen bewegen wir uns immer noch in die falsche Richtung. Wir holzen immer noch die Regenwälder ab, obwohl wir wissen, dass wir damit unsere eigene Zukunft zerstören. Die politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger scheinen Angst zu haben, das zu tun, was notwendig ist. Sie haben vor 30 Jahren die Berichte des Club of Rome über die natürlichen Grenzen des Wachstums lächerlich gemacht, obwohl es jedem klar ist, dass es auf einem endlichen Planeten solche Grenzen des materiellen Wachstums gibt und geben muss. Statt aber sich darauf einzustellen und zu überlegen, wie man Lebensqualität mit weniger Ressourcen erreichen kann, und statt auf die Klimawissenschaftler zu hören, die auch damals schon auf den Temperaturanstieg hingewiesen haben, hat die ganze westliche Welt Wachstum und Freihandel um jeden Preis zum Programm erhoben.

ZEIT online: Und die Folgen spüren wir jetzt?

Von Uexküll: Ja, die Probleme haben sich dadurch in den vergangenen Jahrzehnten unglaublich verschlimmert. Jetzt müssen die Politiker zugeben, dass sie 30 Jahre lang gelogen haben, indem sie behauptet haben, die Probleme seien zu meistern, der technische Fortschritt, der Erfindungsreichtum und die freie Marktwirtschaft würden sie schon lösen. Das ist das größte Politikversagen aller Zeiten. Die Politiker genießen dadurch noch weniger Vertrauen, und je weniger Vertrauen sie haben, desto weniger können sie große Schritte wagen, was wiederum das Misstrauen in sie stärkt. Ein Teufelskreis. Aber es gibt noch Menschen, die Vertrauen genießen, und wenn man solche Menschen zusammenbringt, dann kann man so etwas wie ein Weltgewissen schaffen. Wir brauchen eine Stimme, die die Interessen der künftigen Generationen vertritt.

ZEIT online: Gibt es nicht schon genügend Institutionen, in denen über Zukunftsfragen, Klimawandel, alternative Energien und nachhaltiges Wirtschaften beraten wird?

Von Uexküll: Es gibt sicher genügend Diskussionsforen. Aber der Weltzukunftsrat will kein Diskussionsforum sein und keine neue NGO. In ihm sind Parlamentarier, die Zivilgesellschaft, Wissenschaftler und Künstler aus der ganzen Welt vertreten, darunter der bekannteste Sänger Afrikas. So etwas gab es noch nicht.  Im vorkolonialen Indien gab es sogenannte Räte der Seher in die Zukunft. So etwas brauchen wir heute auch. Unsere Entscheidungen haben heute so große Auswirkungen auf die Zukunft wie noch nie in der Geschichte der Menschheit. Aber unsere Kinder und Enkel haben keinen Einfluss darauf. Also brauchen wir ein Gremium, das die Interessen der Zukunft vertritt.

ZEIT online: Wie viel Zeit bleibt nach Ihrer Ansicht noch zum Umsteuern, damit wir die Zukunft des Planeten nicht gefährden?

Von Uexküll: Es gibt noch Möglichkeiten. Aber wir können nicht mehr sagen, wir planen für das Jahr 2030 oder 2050. Wir müssen schauen, was wir sofort tun können. Al Gore hat die Situation mit der Zeit des Faschismus und dem Zweiten Weltkrieg verglichen. Damals wurde die Wirtschaft in den USA und in Großbritannien innerhalb weniger Monate auf Kriegswirtschaft umgestellt, obwohl das viel aufwendiger war als heute die Umstellung auf eine klimafreundliche Produktionsweise. Damals ging es um ein Fünftel des Bruttosozialprodukts, heute geht es um drei Prozent. Also, es ist zu schaffen.

ZEIT online: Warum stellen Sie den Klimawandel obenan?