Am 8. Mai 1965 regnete es in Bremen Bindfäden. Doch vielleicht waren gerade das gute Voraussetzungen für ein unerwartetes Fußballfest im Weserstadion. Schon nach 13 Minuten steht es 1:0 für den SV Werder. Klaus Matischak köpft aus kurzer Distanz unhaltbar halbhoch ins Dortmunder Tor. Theo Klöckner und Gerhard Zebrowski erzielen die anderen beiden Treffer zum 3:0 Sieg.

Nach dem Schlusspfiff allerdings müssen die Bremer Spieler und 40.000 Fans im Weser-Stadion noch einige Minuten warten. Keine Fußballkonferenz im Radio und auch keine Live-Übertragung auf Arena hält sie über die Ereignisse in Köln auf dem Laufenden. Der FC ist in der zweiten Bundesligasaison der Titelverteidiger und Meisterschaftsfavorit. Doch als der Stadionsprecher kurz nach 17:45 das Ergebnis aus dem Müngersdorfer Stadion verkündet ist die Sensation perfekt. Die Kölner blamieren sich mit einem 0:0 gegen Nürnberg.

Die Meisterschaft ist am 29. und vorletzten Spieltag faktisch entschieden. Werder Bremen, der Underdog und krasse Außenseiter holt 1965 denTitel. Zum ersten Mal in seiner Geschichte und völlig überraschend. Favoriten waren damals andere. Köln als Titelverteidiger, die Ruhrklubs aus Dortmund und Duisburg. Bremen hingegen hatte kein Experte auf der Rechnung.

Schon damals allerdings zeichnete den Club dasselbe aus wie heute: nüchternes Understatement, eine kluge Einkaufspolitik und eine offensive Taktik. Denn schon immer waren die Bremer erst Kaufleute und dann Fußballer. Und was heute Mertesacker, Diego und Klose sind, das waren damals Horst-Dieter "Eisenfuß" Höttges, Arnold "Pico" Schulz und Klaus "Zick-Zack" Matischak. Was heute die Raute ist, war damals das 4-2-4-System.

Vier Mal in seiner Geschichte war Werder Bremen Deutscher Meister (65, 88, 93, 04), sechs Mal Vizemeister (auch von der "Meisterschaft der Herzen" verstehen die Bremer etwas), fünf Mal Pokalsieger (61, 91, 94, 99, 04) und 1992 gewann der Verein den Europapokal der Pokalsieger. In der ewigen Bundesligatabelle liegt Werder auf Platz zwei. Trotzdem galten die Bremer lange Zeit als eine graue Maus der Liga, und wenn es um die Spitzenplätze ging, dann galten sie allenfalls als Geheimtipp.

Doch inzwischen hat sich Bremen nicht nur an der Tabellenspitze etabliert. Werder ist der finanzstärkste Verein der Liga und schuldenfrei. Wo andere Clubs sich in finanzielle Abenteuer stürzen, um Stars zu kaufen, da suchten die Bremer schon immer die jungen Talente, die schwierigen Stars oder die bodenständigen Fußballer, die sich nichts anders vorstellen konnten, wie daheim an der Weser zu spielen. Die Identifikationsfiguren hießen Thomas Schaf, der noch nie woanders gespielt oder gearbeitet hat als in Bremen, sie heißen Borowski und Baumann, die in Bremen zu Nationalspielern wurden, oder Diego, der zuvor in Lissabon nur auf der Tribüne saß und in Bremen zaubert wie ein Weltmeister.

Auch Legenden gibt es in Bremen einige. Horst Dieter Höttges, der Weltmeister von 1974 zum Beispiel, oder der ewige Torwart Dieter Burdenski. Otto Rehhagel gehört natürlich dazu, der Meistertrainer der achtziger Jahre, der 1981 als Feuerwehrmann mit zweifelhaftem Ruf nach Bremen kam, und Rudi Völler, der in Bremen vom Talent zum Star wurde. Andere Stars sind hingegen vergessen. Wer erinnert sich zum Beispiel noch an Günter Hermann, den verlässlichen Bremer Verteidiger, der zweimal Meister und 1990 Weltmeister wurde (aber im gesamten Turnier nicht eingesetzt wurde)? Oder an Willy Multhaup, den Meistertrainer von 1965?

Wie schon 1965 unter Multhaup spielt Werder auch in dieser Saison den attraktivsten Fußball der Liga und schießt die meisten Tore. Hätte Bremen in der Rückrunde dieser Saison nicht allzu leichtfertig viele Punkte abgegeben, gegen Cottbus zum Beispiel oder gegen Bielefeld, wäre der Weser-Verein längst Meister und das verdient. Nun müssen die Werderaner darauf hoffen, dass Schalke und Stuttgart im Saisonendspurt straucheln. Und irgendwie ist diese Saison eine typische Werder Spielzeit. Denn den schnellen Wechsel von hoher Spielkunst zu bitterem Versagen und umgekehrt boten die Bremer schon häufig in ihrer Geschichte.

Legendär sind zum Beispiel die vier sogenannten Wunder an der Weser, die Europapokalsiege gegen Spartak Moskau, Dynamo Berlin, RSC Anderlecht und Olympique Lyon, bei denen Werder hohe und blamable Hinspielniederlagen noch aufholte. Nicht so gern erinnert man sich in Bremen an peinliche Auftritte oder bitteren Stunden. An den Abstieg von 1980 zum Beispiel, der dem Verein ein bitteres Jahr in der zweiten Liga bescherte.

Und kein Fan von Werder Bremen wird jemals den 22. April 1986 vergessen: Es ist Dienstagabend, wieder regnet es Weserstadion, wieder ist es der vorletzte Spieltag. Die Bayern sind zum Spitzenspiel angereist. Wenn der SV Werder dieses Spiel gewinnt, ist ihm die Meisterschaft nicht mehr zu nehmen. Zwei Minuten vor Schluss springt Søren Lerby der Ball im Strafraum mehr an die Schulter als an dem Arm. Ob es wirklich ein Handspiel war, darüber lässt sich bis heute trefflich streiten. Doch es gibt Elfmeter für Bremen.

Rudi Völler reisst schon die Arme hoch, die Meistergesänge auf den Rängen werden immer lauter, doch plötzlich ist es totenstill. Auch in der zigsten Wiederholung prallt der Ball halbhoch gegen den linken Pfosten. Der Bremer Verteidiger Michael Kutzop verschießt den wohl berühmtesten Elfmeter der Bundesligageschichte. Am letzten Spieltag verlieren die entnervten Bremen dann auch noch in Stuttgart und die verhassten Bayern werden doch noch Meister.

Werder gegen Bayern, arm gegen reich. So heißt das unterhaltsame Bundesliga-Duell der achtziger Jahre. Bremen kultiviert seine Feindschaft gegen den reichen Club aus dem Süden. Immer wieder stichelt vor allem Manager Willy Lemke gegen die Münchner und gegen seinen Intimfeind Uli Hoeneß, der mit viel Geld um sich schmeißt. Die Bremer hingegen wollen den ehrlichen Fußball verkörpern, bei dem es nicht nur um Show und Geld geht. Dabei war Werder Bremen nie ein linker Verein und er hat anders als Schalke oder Dortmund auch keine proletarischen Wurzeln.

Als der Fußballverein FV Werder Bremen am 4. Februar 1899 gegründet wurde, waren es Schüler der Bremer Realschule, die auf einer Kuhweide am Stadtrand, dem sogenannten "Stadtwerder" dem runden Leder hinterherjagten. Kaufmannskinder, deren Väter kühle Rechner waren und ein wenig elitär. In den Anfangsjahren durfte nur Mitglied werden, wer eine höhere Schulbildung absolviert hatte, Ausnahmen bedurften einer 2/3-Mehrheit im Vorstand. Frauen wurden bis 1919 gar nicht aufgenommen. Als 1933 die Nazis die Macht übernahmen, da verstand man es bei Werder Bremen als "selbstverständliche Pflicht", sich der neuen Macht zu fügen.

Doch vor dem Zweiten Weltkrieg ist Bremen im Fußball allenfalls eine regionale Größe. Die erfolgreichen norddeutschen Vereine, die auch um die Deutsche Meisterschaft mitspielen, kommen aus Braunschweig, Hamburg oder Hannover. Die Werderaner hingegen sind schon glücklich, wenn sie die Stadtmeisterschaft gewinnen.

Der Aufstieg des SV Werder beginnt erst nach 1945, er führt über die Oberliga Nord in die Bundesliga und im Jahr 2004 präsentierte Werder Bremen die bislang perfekteste Mannschaft seiner Geschichte. Erstmals gewinnt der Verein das Double und folgerichtig wird Werder Bremen nicht erst am letzten Spieltag Meister. Das Team von Thomas Schaaf sichert sich den Titel vielmehr schon am drittletzten Spieltag, mit einer Fußballdemonstration im Münchener Olympiastadion. Schon zur Pause steht es 0:3. Das erste Tor von Ivan Klasnic ist ein Glückstreffer, Johan Micouds Heber in den Winkel hohe Fußballkunst, Ailtons Flachschuss am herauseilenden Oliver Kahn vorbei eine Demütigung.

Doch damit Werder auch in diesem Jahr Meister wird, reichen eigene Siege nicht mehr. Es reicht es nicht, wenn Tim Wiese seinen Kasten sauber hält, Diego zaubert und Miroslav Klose wieder trifft. Wie schon bei der ersten Meisterschaft 1965 bräuchten die Bremer in diesem Jahr gute Nachrichten aus anderen Stadien. Wobei sich Spieler und Fans inzwischen allerdings nicht mehr nach dem Spielende auf die Ansage des Stadionsprechers warten müssten.

Der Autor Christoph Seils ist dem SV Werder am 22. Juni 1973 erlegen. Damals sah er neunjährig sein Team zum ersten Mal live. Bremen schlug den VfL Stade in einem Freundschaftsspiel mit 8:1. Das Tor hütete Burdenski, auf dem Platz standen unter anderem Höttges, Assauer und Røntved. Der Stürmer Werner Weist schoss drei Tore.