Fünfzehn Uhr, der Saal ist voll, murmelt vor sich hin. Sechzig Schüler warten. Sie kommt zur Tür herein, stellt ihre Handtasche auf die Tischkante und guckt in die Runde. Sofort wird es still. Die Frau da vorn, flache Schuhe, schwarzer Hosenanzug, buntes Tuch um die Schultern gelegt, ist keine Lehrerin. Es ist Bundesjustizministerin Brigitte Zypries und für die beiden zehnten Klassen so etwas wie eine Sehenswürdigkeit.

Berlin, Bundestag, Besucherebene. Auf den Parlamentsetagen darüber und darunter sind die Flure leer und still. Im zweiten Stock aber haben die Garderobenfrauen und Fremdenführer viel zu tun. Die Schlange derer, die mal in Kuppel und Plenarsaal gucken wollen, reißt nie ab. Als Touristenattraktion ist der Bundestag ein Knaller. Mitsamt den Abgeordneten darin.

Viele wollen nur mal schauen, wie das Ding von innen aussieht. Viele aber wollen ihren Abgeordneten besuchen, sich ganz persönlich die große Politik erklären lassen. Und so kommen sie aus Wahlkreisen im ganzen Land und hoffen auf einen Termin. Bis zu vier Besuchergruppen am Tag würden gern Frau Zypries sehen, sagt eine ihrer Mitarbeiterinnen, in Stoßzeiten zumindest. Ein Drittel der Anfragen müsse man leider ablehnen.

Wahlkampf

Die Schüler der beiden zehnten Klassen vom Justus-Liebig-Gymnasium aus Darmstadt haben Glück. Eine Stunde lang dürfen sie fragen, was sie wollen. Und sie wollen. "Was sagen Sie zum abgelehnten Gnadengesuch von Christian Klar", möchte gleich der Erste wissen.

Zypries überlegt. Fachlich ist die Runde keine Herausforderung. Politisch schon. Und nicht nur, weil dieses Mal ein Journalist dabei sitzt. Die Schüler dürfen bald selbst entscheiden, wer im Bundestag sitzt, und sie haben Fragen ihrer Eltern mitgebracht. Das hier ist Demokratie.