Es ist wie Balsam für die Seele eines Landes, das sich von akuter Vergreisung bedroht fühlt: Neun Monate nach der Fußball-Weltmeisterschaft im vergangenen Juni werden in Deutschland endlich wieder mehr Babys geboren. So zumindest jubelt die Presse. Bereits im Februar berichtete die Deutsche Presseagentur, die gute Grundstimmung während der WM habe vielen jungen Deutschen eine neue Lust auf Kinder gemacht. Mehr noch: Sie hätten ihrer Lust sofort Taten folgen lassen, die Geburtsvorbereitungskurse seien übervoll.

Und wie dankbar stimmt die Medienwelt mit ein ins Kinderlied! Erstmals lieferte die Welt jetzt Zahlen, die den Trend zur neuen Gebärfreudigkeit belegen sollen: Eine Befragung der Standesämter in 15 großen Städten habe einen klaren Anstieg der Neugeborenenzahlen offenbart. "Es geht wieder aufwärts mit den Geburtenzahlen in Deutschland" , schreibt das Blatt.

Könnte es also sein, dass im heißen WM-Juni nicht nur die Fußballmänner Klose, Poldolski und Schweinsteiger besonders erfolgreich für Deutschland schossen? Dass im Glück des neu entdeckten Nationalgefühls auch die Menschen wieder zueinander fanden, um endlich das zu tun, was sie so lange versäumt hatten, nämlich Rentenzahler und Fußballgötter zu zeugen?

So schön sie manche auch finden mögen - aber die Idee vom WM-Babyboom ist völlig haltlos. Es genügt, die in den Medien zitierten Daten mit etwas Sachverstand zu betrachten, und schon taugen die optimistischen Ergebnisse der Städteumfragen nicht einmal mehr für den Stammtisch. Ein mediales Lehrstück ist mit dem Report vom Babyboom dennoch gelungen: Er enthält jeden Fehler, den man sich im Umgang mit demografischen Zahlen nur vorstellen kann.

Nehmen wir einmal die Speerspitze des Babybooms, die nach Ansicht der Welt im Norden Bremens liegt. Im ersten Viertel des Jahres 2007 - also neun Monate nach Beginn der WM - hätten dort sage und schreibe 21 Prozent mehr Kinder das Licht der Welt erblickt als im Vorjahreszeitraum. Und tatsächlich: Fragt man im Standesamt Bremen Nord nach den Zahlen, und vertippt man sich nicht auf dem Taschenrechner, so ergibt sich für die ersten drei Monate des Jahres zwar keine Steigerung von 21 Prozent, aber immerhin von 18,4 Prozent. Im Frühjahr 2006 hatte es in Bremen Nord 320 Geburten gegeben, in diesem Jahr waren es 379.