Der Optimismus bei Liverpool ist gedämpft. Im Finale in Athen (20 Uhr 45) ist der AC Mailand der klare Favorit. Mailand ist spielerisch das klar bessere Team, nicht nur wegen des Brasilianers Kaka, der zu Recht als einer der besten Fußballer der Welt gilt. Gewiss kann Liverpool auf den englischen Nationalspieler Stephen Gerard und auch sonst einige Spieler von hoher Qualität verweisen; aber letztlich können Technik, Eleganz und Einfallsreichtum der Mailänder nur durch Kampfkraft und Disziplin ausgeglichen werden.

Doch die Fähigkeit von Liverpools Trainer Rafael Benitez, seine Mannschaften taktisch hervorragend auf den jeweiligen Gegner auszurichten, ist wohlbekannt und hatte unlängst zu dem Versuch von Real Madrid geführt, ihn abzuwerben. Das Spiel könnte genau deshalb unter einer defensiven Einstellung Liverpools leiden: Das Team dürfte versuchen, durch Kampf seine fußballerischen Defizite auszugleichen. Es ist bezeichnend, dass die meisten neutralen Beobachter, im Interesse einer fußballerischen Glanzshow, Mailand den Sieg wünschen.

Schon vor zwei Jahren gab es dieses Duell in einem Champions-League-Finale. Der damalige Sieg der "Reds" in Istanbul gegen den gleichen Gegner macht Mut. Warum soll es nicht ein zweites Mal gelingen? Aber die Spieler von Liverpool müssen sich eingestehen, dass sich solche wundersamen Wendungen in einem Spiel nur selten einstellen. Während der Halbzeitpause fürchteten Liverpools Spieler, sie würden am Ende mit 6:0 vom Platz gefegt werden. Doch am Ende gewannen sie im Elfmeterschießen.

Liverpool hat mit dem Erreichen des zweiten Finales der europäischen Meisterliga binnen drei Jahren mehr erreicht, als man angesichts der vorhandenen Spieler hätte erwarten können. In der englischen Premier League reicht es nur zu einem dritten Platz, weit abgeschlagen hinter dem FC Chelsea und Manchester United. Auf der Insel fehlt den "Reds" das Quentchen Klasse, das den Unterschied ausmacht. Vor allem mangelt es an einem Stürmer, der in der Lage ist, 20 Tore in der Premier League zu garantieren. Peter Crouch, Stürmer auch für Englands Nationalmannschaft, ist zwar ein Riese an Gestalt, aber als Goalscorer eher erratisch. Mal gelingen sensationelle Tore per Scherenschlag, dann wieder vergibt er per Kopf leichte Chancen. Der Holländer Kuyt spielt nicht schlecht, rackert und rennt viel, aber treffen tut er eher selten. Die Ersatzstürmer sind gut, aber nicht herausragend.

Nicht nur für den Angriff dürfte nächste Saison neues Personal angeheuert werden. Überhaupt hat der Club ehrgeizige Pläne für die Zukunft. Zwei amerikanische Geschäftsleute, Tom Hicks und George Gillet Junior, haben Liverpool gerade für rund 280 Millionen Euro erworben. Die Zinsen für die Schulden, die sie aufnahmen, belaufen sich auf 20 Millionen Pfund im Jahr. Aber die Amerikaner sind offenbar felsenfest davon überzeugt, dass Liverpool sehr viel mehr Geld einspielen wird. Was angesichts der immer noch steigenden Fernseheinnahmen der englischen Liga und der TV-Gelder, die aus den Töpfen der Uefa fließen, realistisch erscheint. Selbst Vereine, die im Mittelfeld herumkrebsen, etwa Aston Villa und Westham United, sind durch die üppigen Fernsehgelder zu lohnenden Übernahmeobjekten für ausländische Konsortien geworden.

Liverpool ist einer der größten, erfolgreichen und traditionellsten Clubs des Landes. Die neuen Besitzer wollen ihn wieder ganz nach ganz oben bringen, in die Nähe von Manchester United, dem großen Rivalen aus dem englischen Norden. Manchester United setzt noch immer die Maßstäbe im englischen Fußball. Als Erstes wird Liverpool auf einen "shopping spree" gehen. Für Spielereinkäufe stehen dem Manager beachtliche 50 Millionen Pfund zur Verfügung. Große Stürmernamen werden bereits genannt, etwa der Argentinier Carlos Tevez, der Westham United eigenhändig vor dem sicheren Abstieg rettete, aber auch der Spanier David Villa und Barcelonas afrikanischer Stürmerstar Eto'o. Dann wird man das traditionelle Stadion an der Anfield Road aufgeben und an dem Schauplatz vieler glorreicher Spiele und eindrucksvoller Gesänge ein brandneues Fußballstadion für 70.000 Zuschauer errichten.