Ein scharfes Symbol

Heiligendamm. Die Karre steckt im Dreck und das nicht etwa metaphorisch. Der Funkstreifenwagen hat sich tief in den mecklenburgischen Modder gewühlt, ein Vorderrad im Graben, ein Hinterrad fast in der Luft. Zwei Polizisten stehen daneben, wissen nicht, ob lachen oder fluchen. Sie waren zur Kontrolle der „komplexen technischen Sperre“ abkommandiert - wie der Zaun, der Heiligendamm umgibt, im Polizeideutsch. Nun stehen sie im Wald herum und warten auf Hilfe.

Schöne Gegend eigentlich zum Rumlungern, hohe Buchen dämpfen das grüne Licht, ein Kuckuck singt, Frösche keckern im träge ziehenden Mühlenfließ. Wenn mittendrin nicht dieser Zaun wäre. Zweifünfzig hoch, graublau gestrichen, am Fuß Betonpoller, an der Krone Stacheldraht. Wie eine Säge durchschneidet er den Wald, überspannt das Fließ, ragt bis in die Ostsee. Er trennt Wiesen, Äcker, Dörfer, ganze Welten.

Knapp 5000 Betonblöcke wurden rund um das winzige Ostseebad Heiligendamm abgeworfen. In einem zwölf Kilometer langen Halbkreis, alle 2,50 Meter einer, jeder 900 Kilogramm schwer. Die Blöcke sind das Fundament, die Pfähle nur an ihnen festgeschraubt. Zaunfelder dazwischengehängt, fertig. Simple Idee. Sehr ordentlich, sehr deutsch, ziemlich teuer. Eine Million Euro kostet der Kilometer samt Lampenmasten und Kameras.

Auf der Seeseite schwimmen Taucher der Bundeswehr, Netze hängen im Wasser. Soldaten und Strickwerk sieht man nicht, deswegen sind sie kein Problem. Den Zaun aber, den sieht man. Vor allem der Stacheldraht obendrauf. Ohne diesen sähe das Ganze gar nicht mal so schlimm aus. Aber der Draht ist fies. S-Draht im Amtsdeutsch, – s für schneiden–, umgangssprachlich Nato-Draht: verzinkte Blechbänder, so ausgestanzt, dass spitze und scharfe Klingen entstehen. Wer da drin hängt, tut sich weh.

Die Cowboys im Westen der USA waren die ersten, denen Stacheldraht im 19. Jahrhundert Wege versperrte und Weiden blockierte. Devils rope nannten ihn die Indianer, Teufelsseil. Seitdem wurde viel mit dieser Erfindung eingezäunt: Kasernen, Gefängnisse, Konzentrationslager, die DDR, Atomkraftwerke. Wo Stacheldraht auftaucht, ist die Freiheit zu Ende. Kein Wunder, dass der Zaun für viele ein Symbol ist. Und dass die Polizei ihn deswegen lieber technische Sperre nennt.

Jedes Jahr trifft sich die Gruppe der Acht, bereden die Führer der acht reichsten und mächtigsten Länder ihre Außenpolitik. Informell ist dieses Treffen von Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Kanada, Russland und den USA, die G8 keine internationale Organisation, sondern lediglich ein Forum, um in "entspannter Runde" dies oder jenes zu besprechen.

Ein scharfes Symbol

Entspannt ist an dieser Veranstaltung aber schon lange nichts mehr. Sie ist selbst zu einem Symbol geworden, für die Grenzen zwischen erster und dritter Welt, zwischen arm und reich. Und sie ist ein Beispiel für den Politikzirkus: 92 Millionen Euro für ein Treffen, das zweieinhalb Tage dauert und auf dem nichts entschieden wird, was vorher nicht schon längst beraten, abgestimmt und beschlossen war. Eine große Show, zu der Polizisten genauso gehören wie Demonstranten.

Die wahren Ergebnisse der Gipfel, jene, die im Gedächtnis haften, sind die Bilder: 2001 in Genua waren es die von Carlo Giuliani, der durch einen Kopfschuss starb; 2004 die von Sea Island, einer Insel, auf die sich die Politiker zurückgezogen hatten; 2005 in Gleneagles waren es die der Anschläge in der Londoner U-Bahn. 2006 gab es kaum Bilder, die russische Regierung ließ schon im Vorfeld Hunderte verhaften, um Proteste zu verhindern.

In diesem Jahr in Deutschland bestimmt das Bild vom Zaun die Berichte. Auch wenn das einigen Beteiligten gar nicht recht ist. „Das ist nicht unbedingt meine Lieblingsposition“, sagt der Leiter des Polizeieinsatzes, Polizeidirektor Knut Abramowski auf die Bitte einer Kamerafrau, sich doch für ein Interview vor der technischen Sperre zu postieren. Und er werde sich auf keinen Fall auf einen der Betonpoller stellen.

Auch Peter Hoppe sorgt sich um die Bilder. Als die Nachrichtenagentur dpa eines veröffentlicht, auf dem das Tagungshotel und der Zaun samt Stacheldraht zu sehen sind, will der Polizeisprecher unbedingt wissen, wo es gemacht wurde, dachte er doch, so ein Bild könne es nicht geben. Hoppe glaubt es erst, als er selbst an der Jemnitzschleuse steht und das Hotel in der Ferne sieht.

„Hinter dem Zaun liegt der Strand“, lautet die Abwandlung eines alten Spontispruchs. Es ist hier das Motto vieler, die gegen das Treffen und die Politik der G8 protestieren. Wenn nur einer es schafft, ihn zu überwinden, so hoffen sie, könnten sie ein Zeichen setzen.

Letztlich sei es natürlich nur ein Zaun, sagt Monty Schädel, Koordinator des Rostocker Bündnisses und einer der Organisatoren der Proteste. „Aber er ist symbolisch für die Abschottung derjenigen, die da drin tagen. Sie sperren sich aus und schaffen eine Zone, in der sie machen können, was sie wollen.“

Ein scharfes Symbol

Der Pressesprecher der Kavala, Peter Hoppe, dagegen sagt, es sei wirklich nur ein Zaun. Kavala heißt jene Sondereinheit der Polizei, die den Gipfeleinsatz leitet. Den Namen hat Polizeidirektor Abramowski ausgesucht, nach einer Stadt im Norden Griechenlands, die wie Heiligendamm die „weiße Stadt am Meer“ genannt wird. Man habe eine unverkennbare Bezeichnung gesucht, sagt Abramowski. Klingt auch hübsch und harmlos, genau wie technische Sperre. Die Gegenseite machte daraus schnell „Krawalla“.

Dem Pressesprecher sind solche Etiketten egal. Anfangs spricht er noch vom technischen Sperrwerk, doch bald lässt er das und redet lieber vom Zaun. „Für uns hat das Ding keinen Symbolcharakter“, sagt er. Und wenn einer der Demonstranten drüber klettert? Hoppe zuckt die Schultern. „Dann sitzt er halt auf dem Stacheldraht. Selbst wenn er es rüberschafft, weit kommt er hier nicht.“ Er nickt rüber zu dem dichten Buchenwald, der Heiligendamm nach Osten begrenzt. Der Zaun solle der Polizei in erster Linie Zeit verschaffen, sagt er, Zeit zu reagieren.

„Ach, ist das so?“, fragt Dirk. Er hat zwei silberne Sterne auf den Schulterstücken seiner Uniform, was Polizeioberkommissar bedeutet. Oberkommissar Dirk ist der Chef der beiden, die den Funkwagen im Wald verbuddelt haben. Er steht auf dem matschigen Patrouillenweg und ist genervt. Und das nicht unbedingt wegen der Panne mit dem Bulli. Seit Dezember 2005 arbeitet die Besondere Aufbauorganisation (BAO) Kavala an der Planung. Seit mehr als einem Jahr beschäftigen sich Zwei-Sterne-Dirk und die Mitglieder seiner Einsatzhundertschaft mit kaum etwas anderem als mit diesem Zaun.

Sie wirken, als wollten sie nicht darüber nachdenken, dass sie mitten im Nirgendwo etwas bewachen, das seit fast fünf Monaten herumsteht und nur für zweieinhalb Tage gebraucht wird. Dabei haben sie immer diese paar Tage im Juni im Hinterkopf, an denen es ernst werden kann. Und Zwei-Sterne-Dirk macht nicht den Eindruck, als wäre das Ganze für ihn nur eine variable Haltezone. Für ihn ist der Zaun eine absolute Grenze. Sein Auftrag lautet, jeden zum Stehen zu bringen. Egal, wie viele kommen. Und zwar davor, nicht irgendwo im Wald dahinter.

Auch Polizeidirektor Abramowski scheint die Aktion nicht entspannt zu sehen. Drei Wochen vor Beginn des Gipfels hat er eine sogenannte Allgemeinverfügung erlassen. Letztlich nur ein Verwaltungsakt, doch mit erheblichen Auswirkungen. Das Grundrecht auf Demonstration gilt nicht mehr. Sämtliche unangemeldeten Versammlungen in und um Heiligendamm sind vom 5. bis 8. Juni verboten. Sobald sich zwischen Kühlungsborn und Bad Doberan drei oder mehr Menschen treffen und ein gemeinsames politisches Ziel zum Ausdruck bringen, können sie festgenommen werden. Laut mecklenburgischem Landespolizeigesetz bis zu zehn Tage lang.

„Wir gehen davon aus, dass wir hier friedliche Demonstrationen gewährleisten können“, sagt Abramowski, und es klingt wie eine Drohung. Er betont gern, wie offen man für demokratische Proteste sei, dass man sich um Deeskalation bemühe, mit allen Beteiligten kommuniziere. Doch der Zaun, das Versammlungsverbot und die Durchsuchungen der Polizei Anfang Mai in sechs Bundesländern wirken nicht unbedingt deeskalierend.

Ein scharfes Symbol

Drei Wochen vor dem eigentlichen Treffen sind in und um Heiligendamm mehr Polizisten auf den Straßen als Urlauber und Einheimische; fast 17.000 Mann in einem Gebiet, in dem nicht einmal 20.000 Menschen leben und das nicht größer ist als die Insel Ischia im Golf von Neapel. Immer wieder lassen die Beamten sich Ausweise zeigen, fordern Erklärungen für die Anwesenheit, erteilen auch sehr ernst gemeinte Platzverweise. Ihre Botschaft ist klar: „Wer Putz macht, kriegt auf die Mütze!“

Der Zaun verändert das Leben aller, selbst das der Tiere. Auf dem Patrouillenweg entlang der Betonblöcke sind nicht nur Reifenspuren zu sehen, sondern auch die vieler Rehe. Sie laufen an ihm entlang, auf der Suche nach einem Loch. Es gibt keines. Noch nicht.

Im Zweifel, sagt Hoppe, könne man das Ding gar nicht vollständig bewachen. Jemand habe mal ausgerechnet, dass dafür 27.000 Polizisten nötig seien, jedenfalls weit mehr, als dort sind. „So ein Objekt ist nicht zu schützen.“