Großhadern. Ein frei stehendes Haus, ein wild wuchernder Garten. Seit September 2007 wohnen die Schumanns mit ihren vier Kindern im Westen von München und eigentlich fühlen sie sich ganz wohl. Martin arbeitet als Professor für Physik an der Universität. Pia fängt bald als Ärztin in einem Krankenhaus an. Ihre Kids haben in der Siedlung Freunde gefunden. Nur über den Kindergarten ihres fünfjährigen Sohnes dürfen sie nicht allzu lange nachdenken. Natürlich sind sie froh, dass er überhaupt einen Platz in der Nähe bekommen hat – in München gibt es derzeit nur für 78 Prozent der Kinder von drei Jahren an einen Kindergartenplatz. Und natürlich sind die Erzieherinnen nett. Sie bemühen sich. „Aber im Vergleich zu Berlin ist das Angebot mager.“ Einmal im Monat macht Manuel mit seiner Gruppe einen Ausflug. In Berlin war er jede Woche unterwegs. Mittwoch war Wandertag. Da sind sie auf Bauernhöfe gefahren, haben Museen besucht oder die Abenteuerspielplätze der angrenzenden Bezirke erobert. Außerdem haben sie viel Musik gemacht. „Die Kinder waren im Chor, haben Gitarre gelernt, im Foyer stand ein Klavier – hier singen sie gerade mal ein Liedchen“, sagen Manuels Eltern. Hinzu kommen die Betreuungszeiten: Um 16 Uhr macht der Kindergarten ihres Sohnes zu – und das ist schon etwas Besonderes.

Die größte Sorge gilt aber ihrem Kleinsten: Paul, 5 Monate. Im Moment ist er bei einer Tagesmutter, von Sommer an soll er unter anderem auch aus Kostengründen in eine Krippe. Pia hat ihn bereits im Februar 2006 in sieben verschiedenen Einrichtungen angemeldet – da war er auf dem Bildschirm des Ultraschallgerätes gerade mal als Pünktchen zu sehen. Trotzdem steht er auf den Wartelisten der Krippen weit unten. Auf einer belegt er sogar Platz 901. Im Moment geben die Schumanns 1500 Euro pro Monat für die Betreuung ihrer vier Kinder aus: Tagesmutter, Krippe, Kindergarten, Hort. In Berlin wäre es die Hälfte.

Die Geschichte der Schumanns ist keine besondere Geschichte. Krippenplätze sind Mangelware in der bayerischen Landeshauptstadt. Mit 7500 Plätzen stehen in München im Moment nur für jedes fünfte Kind ein Platz zur Verfügung – Eltern-Kind-Initiativen und Tagespflegefamilien eingerechnet. In Berlin dagegen kommen nahezu 40 Prozent der Kinder allein in einer städtischen Einrichtung unter. Bis 2010 will München nun einen Versorgungsgrad von 25 Prozent erreichen. Langfristig 43 Prozent. Doch um auf diesen Wert zu kommen – 8400 neue Plätze für die Kleinsten, Tagesmütter und private Initiativen wieder mit eingerechnet – müsste die Stadt in den kommenden drei Jahren mehr als 250 Millionen Euro investieren.

Einen Krippenplatz einzurichten kostet laut Münchner Sozialreferat im Schnitt 38.000 Euro, wenn es um einen Platz in einem eigens dafür errichteten und frei stehenden Haus geht. Da aber in der Zielvorgabe auch Plätze bei Tagesmüttern und in bestehenden Häusern eingerechnet sind, kostet das Einrichten eines neuen Platzes die Stadt oft viel weniger, der neue Platz bei der Tagesmutter beispielsweise gar nichts. Später kommen dann jährlich 15.400 Euro für die laufenden Kosten hinzu. Ein weiteres Problem für die Planer ist die Suche nach geeigneten Räumen: Während in Neubaugebieten ohne Probleme Kindergarten-, Hort- und Krippenplätze geschaffen werden können, findet das Sozialreferat in kinderreichen Gegenden wie Schwabing, Haidhausen oder Neuhausen schlicht keine geeigneten Objekte mehr.

Susanne Pirschlinger ist vor drei Jahren mit ihrer Familie nach Hofsingelding gezogen, ein Dorf im Osten von München. Eine Krippe gibt es dort nicht. Aber im sieben Kilometer entfernten Erding, einer Kreisstadt mit 34.198 Einwohnern. Doch die zuständige Leiterin winkte ab. „Wir nehmen keine Kinder von auswärts. Nur hiesige Eltern dürfen ihre Kinder anmelden.“ Und hoffen. 2004 gab es eine Krippe mit 12 Plätzen – heute sind es drei Krippen mit insgesamt 76 Plätzen. Noch immer viel zu wenig. Jutta Trimborn vom Erdinger Kinderhaus „Hand in Hand“ der Arbeiterwohlfahrt: „Wir könnten ohne Probleme eine vierte, fünfte, ja, sogar sechste Gruppe eröffnen, der Bedarf ist insbesondere in den vergangenen zwei Jahren enorm gestiegen. Die Frauen müssen, die Frauen wollen arbeiten.“ Um wieder als Rechtsanwältin arbeiten zu können, hatte Pirschlinger die Wahl zwischen Tagesmutter und Au-pair-Mädchen. Sie entschied sich nach langem Hin und Her für ein Mädchen aus Usbekistan. Wie viele andere Frauen in Süddeutschland auch. Es gibt keine Zahlen darüber, wie viele Au-pair-Mädchen sich in Deutschland und den einzelnen Bundesländern aufhalten, weder Ausländerbehörden noch die zentralen Arbeitsagenturen können Zahlen nennen. Aber Versicherer und Au-pair-Verbände bestätigen: Es herrscht ein deutliches Süd-Nord-Gefälle. „Das liegt zum einen an der Einkommenssituation – die Bayern können sich in der Regel leichter ein Au-pair-Mädchen leisten – aber sicher auch an der Kinderbetreuung. Viele berufstätige Frauen sind auf die Mädchen aus dem Ausland angewiesen“, sagt Patricia Brunner von Aupair Society, einem Verein, der das Au-pair-Programm in Deutschland verbessern möchte.

Auch Pia Schumann klickt sich immer mal wieder durch die Galerien verschiedener Au-pair-Agenturen. Halbherzig. Noch eine Person in ihrem Haus? Sie ist sich nicht sicher, ob sie das will. Aber als Ärztin kann sie nicht um halb vier gehen, um ihren Sohn vom Kindergarten abzuholen. Sie muss also zweigleisig fahren. In München, ihrer neuen Heimatstadt, reicht ein Betreuungsmodell pro Kind nicht aus.