Geisel eines Konflikts

Nachrichten über gewalttätige Ausschreitungen in den zwölf seit Jahrzehnten bestehenden palästinensischen Flüchtlingslagern gehören fast zum libanesischen Alltag. Doch militärische Auseinandersetzungen wie am Sonntag zwischen der Armee und Militanten der Fatah al-Islam, einer Gruppe, die sich ideologisch dem Al-Qaida-Netzwerk zugehörig fühlt und aus syrischen, libanesischen und palästinensischen Mitgliedern besteht, hat es seit dem Ende des libanesischen Bürgerkrieges 1992 nicht mehr gegeben.

Auslöser der Kämpfe war die Durchsuchung eines Unterschlupfes der Gruppierung in Nahr al-Bared. Ein Haufen Bewaffneter widersetzte sich dem Eindringen der libanesischen Armee in das Lager. Dutzende Menschen wurden getötet. Sicherheitskreise begründeten die Razzia damit, dass die Fatah al-Islam unter Verdacht stehe, an einem Banküberfall in Amiun am Samstag beteiligt gewesen zu sein.

Augenzeugen berichten, dass im Laufe des Sonntags immer mehr Truppen und schweres Geschütz in den Nordlibanon verlegt wurden. Die Armee errichtete zahlreiche zusätzliche Checkpoints entlang der Hauptstraßen nach Nahr al-Bared. Die nahe gelegene Stadt Tripoli wurde aus Angst, die Gewalt könnte weitere Kreise ziehen, abgeriegelt. Nach Medienberichten setzen sich die Kämpfe am Montag fort.

Die krisengeschüttelte und durch eine politische Pattsituation geschwächte Regierung versucht, Stärke zu demonstrieren. Eigentlich darf die libanesische Armee aufgrund eines Abkommens mit der palästinensischen Führung und anderen arabischen Staaten die Flüchtlingslager nicht betreten. Nun aber hat sie es getan und dabei die Zustimmung vieler Libanesen gefunden. Denn es gibt einen Präzedenzfall: 1975 haben Zusammenstöße zwischen Libanesen und Palästinensern den Anstoß für den 17 Jahre währenden Bürgerkrieg gegeben.

Die jetzige Krise veranschaulicht wieder einmal die Komplexität der libanesischen Politik. Syrien, das nach libanesischen Angaben die Fatah al-Islam aktiv unterstützt, hat am Sonntag sämtliche Grenzübergänge geschlossen. Es ist kaum ein Zufall, dass die Kämpfe in dem Lager genau jetzt ausgebrochen sind – nämlich kurz nach der vom UN-Sicherheitsrat erlassenen Resolution, die festlegt, dass Verdächtige im Mordfall des ehemaligen libanesischen Premiers Rafik Hariri im Februar 2005 vor ein internationales Tribunal gestellt werden sollen. Syrien wird durch die bisherigen Untersuchungen in dem Fall beschuldigt, auf oberster Ebene unmittelbar in den Mord verwickelt zu sein. Daher ist Syriens Interesse an einer weiteren Destabilisierung des Zedernlandes nachvollziehbar.

Die Spannungen in Libanon verschärften sich weiter, als in dem christlichen Beiruter Stadtteil Aschrafije am späten Sonntagabend eine Bombe explodierte und eine Frau in den Tod riss. Zwölf weitere Menschen wurden verletzt. Damit wächst auch die Angst vor einer geplanten terroristischen Kampagne. Fatah al-Islam wird von der libanesischen Regierung auch für die Anschläge auf die Busse in Ain Alak am 13. Februar, einen Tag vor der Gedenkveranstaltung zum Jahrestag des Hariri-Mordes, verantwortlich gemacht.

Geisel eines Konflikts

Einwohner von Nahr al-Bared berichteten, dass Wasser und Elektrizität abgeschaltet wurden. Das Internationale Rote Kreuz hat seine Besorgnis über die Lage der 40.000 Palästinenser in dem Lager ausgesprochen. Die Sprecherin des IRK, Virginia de la Guardia, forderte alle Konfliktparteien auf, zumindest Krankenwagen in das Lager zu lassen.

Zu der Gewaltbereitschaft in den Flüchtlingslagern trägt auch die katastrophale soziale Lage der rund 400.000 Palästinenser bei, die nach offizieller Zählung im Libanon leben. Im Vergleich zu den Flüchtlingen in den anderen arabischen Ländern geht es ihnen am schlechtesten. Sie haben kaum Rechte und sehen sich einer strikten staatlichen Reglementierung gegenüber, die festlegt, ob und welche Art Arbeit sie überhaupt annehmen dürfen. Die meisten üben niedrige, äußerst schlecht bezahlte Arbeiten aus und müssen sich täglich gegen erhebliche Vorurteile wehren. Eine Folge ist, dass die Flüchtlingslager in den letzten Jahren ein fruchtbarer Boden für die wachsende Militanz geworden ist, die sich hauptsächlich gegen Israel richtet.

Kein Zufall, dass die libanesische Öffentlichkeit das Schlimmste befürchtet. Sie wurde durch die Ereignisse von Nahr al-Bared einmal mehr daran erinnert, wie real die Möglichkeit ist, dass der Libanon wieder einmal in den Sog des Nahost-Konflikts gerät.