Roland Kölsch wuchs als Sohn von Weinbauern in Zell an der Mosel auf. Von Kindesbeinen an war er es gewohnt, dort bei Wind und Wetter in den steil am Fluss gelegenen Weinbergen seiner Eltern mit anzupacken. Selbst Winzer werden wollte er aber nie – sein Berufsziel war weit weniger bodenständig: Der Junge, ein schneller Kopfrechner, strebte nach dem Chefsessel einer Bank. „Bloß weil ich bei Quizfragen, die mein Lieblings-Raiffeisenbanker nicht beantworten konnte, immer eine Mark gewann, wenn ich die Lösung wusste“, erinnert er sich schmunzelnd.

Bankchef ist Kölsch dann doch nicht geworden, aber immerhin Banker. Zunächst arbeitete er bei der Deutschen Bank in Frankfurt, unter anderem als Fondsmanager. Glücklich machte ihn das nicht, im Gegenteil. Er hatte oft schlaflose Nächte. Sein Umfeld machte ihm zu schaffen. „Das häufige Blabla der Broker ging mir auf die Nerven. Die traditionellen, kurzfristigen Analysen und das hastige Kaufen und Verkaufen brachte keine Outperformance“, sagt er, soll heißen: Man schafft es mit solchen Strategien nicht, den Markt zu schlagen. Ein Problem sei zudem, dass viele Analysten die Märkte nicht richtig einschätzten, also schlechte Arbeit leisteten.

Kölsch wünschte sich eine sinnvollere, langfristig orientierte Tätigkeit. Nicht nur ums Anhäufen von immer mehr Geld sollte sie kreisen, sondern auch die Folgen des Finanzgeschäfts für die Gesellschaft beachten. Zwei Wochen, bevor sein Arbeitgeber ihm einen Bonus gewährt hätte, zog er die Konsequenzen. Kölsch kehrte der Deutschen Bank den Rücken. „Ein normaler Portfolio-Manager zu sein war für ihn nicht mehr vertretbar, sagt Thomas Heidorn, Kölschs ehemaliger Professor von der Frankfurt School of Finance & Management (HfB), wo dieser neben seiner Arbeit bei der Deutschen Bank Betriebswirtschaftslehre studierte.

Im Weinberg der Eltern, während eines Sabbatjahrs, fiel dann die Entscheidung. Kölsch wollte sich für nachhaltige Geldanlagen einsetzen. Heute ist er leitender Fondsmanager für „Socially Responsible Investment“ bei der belgisch-französischen Großbank Dexia, einem der europäischen Marktführer bei ökologisch und sozial verantwortlichen Kapitalanlagen, in Brüssel. Sein neuer Arbeitgeber wirbt mit dem Spruch „Money does not perform. People do.“ Dieses Motto werde in Brüssel, anders als in Frankfurt, tatsächlich gelebt, sagt Kölsch.

Es könnte für ihn als Privatmann ebenfalls gelten. Der Banker steckt auch sein eigenes Geld in Menschen und Projekte, die ihm am Herzen liegen. So griff er einem befreundeten Musiker zwei Jahre lang finanziell unter die Arme. „Er konnte damit die Vorbereitung und Aufnahme seines ersten richtigen Albums finanzieren“, erinnert sich der Banker. Der Freund wird auf Radio Canada inzwischen als „sacré-talent“ gepriesen. „Es war ein tolles Gefühl, jemandem zu helfen, ein Projekt gedeihen zu sehen, statt mein Geld denen zu geben, die etwas damit machen, von dem man gar nicht weiß, ob es sinn- oder verantwortungsvoll ist“, erklärt Kölsch seinen Einsatz.

Schon im Studium engagierte er sich. Sein früherer Professor Heidorn schwärmt noch heute vom Investmentclub, den Kölsch an der HfB gründete. „Eine der besten Initiativen, die ich je gesehen habe“, sagt er. Kölsch wollte das, was die Studenten theoretisch lernten, in diesem Club praktisch anwenden. In öffentlichen Sitzungen debattierten die Mitglieder darüber, welche Aktien sie kaufen oder verkaufen wollten. Nach dem Studium baute Kölsch den Club als Geschäftsführer weiter aus. Zuletzt hielten 500 Professoren, Studenten und Alumni Anteile.

Auch sonst half Kölsch gern, übernahm sogar das unbeliebte Putzen nach Uni-Feten. Den Preis für soziale Leistungen, den jeder Jahrgang der Frankfurter HfB beim Examen an einen Kommilitonen vergibt, verfehlte er dennoch – denkbar knapp um eine Stimme. Kölsch nahm’s persönlich: Er war so frustriert, dass er die Examensfeier samt Preisverleihung schwänzte. Er könne eben schwer respektieren, wenn andere ihm wichtige Dinge nicht so ernst nähmen, sagt sein ehemaliger Prof. Doch „wenn er sich für etwas engagiert, tut er’s richtig und verlässlich“, sagt Heidorn.