Wer am großen Springbrunnen von Samara den Kopf hob, konnte auf den Dächern der umliegenden Häuser Gestalten mit Ferngläsern erkennen. Uniformierte Polizisten hatten die Straßen fast vollständig abgeriegelt. In der Nähe standen Gruppen junger Männer in betont legerer Sommerkleidung und warteten sichtbar auf Einsatzbefehle. Am Springbrunnen wehten schwarz-gelb-weiße Fahnen der Organisation „Anderes Russland“. Der harte Kern der Oppositionellen, die sich zur Demonstration versammelten, stammte aus Moskau und gehörte der mittlerweile verbotenen Nationalbolschewistischen Partei an. Ein Betrunkener torkelte gekonnt vor die Fernsehkameras und forderte allgemeines Kopfabschlagen, bis ihn die Umstehenden als Provokateur zur Seite drängten. Spannung lag in der Luft am Freitagnachmittag vor diesem „Marsch der Dissidenten“, dem ersten seit Langem, den die Behörden in Russland nicht verboten hatten.

Die Erlaubnis verdankten die Organisatoren des Marsches dem EU-Russland-Gipfel unter deutscher Präsidentschaft ganz in der Nähe. Prügelbilder der Polizei hätten zu sehr gestört. Die polizeiliche Hauptarbeit war zudem getan: Allein in Samara wurden mehr als 15 Oppositionelle festgenommen – mal aus Versehen, mal aus Verwechslung, wie die Polizei zumeist nach Stunden ohne großes Bedauern erklärte. Auf den Bahnhöfen in Moskau und Samara machte sie Jagd auf anreisende Aktivisten.

Am Moskauer Flughafen Scheremetjewo hinderte die Staatsmacht am Freitagmorgen gleich 27 Personen am Abflug in Richtung Samara und entblödete sich nicht, dies mit vermeintlich unkorrekten Flugtickets zu begründen. Der Wortführer der Opposition und frühere Schachweltmeister Gari Kasparow , sein nationalbolschewistischer Mitstreiter Eduard Limonow und der Menschenrechtler Lew Ponomarjow durften wie einige ausländische Korrespondenten, die so an der Ausübung ihrer Arbeit gehindert wurden, nicht an Bord. Ihre Pässe erhielten sie erst zurück, als das letzte Flugzeug nach Samara abgeflogen war. Das absurde Polizeispektakel rundeten Jugendliche der Kremlorganisation „Unsere“ ab, die in weißen Kitteln auftraten, um die Umstehenden „vor der negativen Energie Kasparows“ zu schützen. Sonst werfen die organisierten Jungpaladine des Kremls öffentlich Kasparows Porträt in den Müllcontainer und verkaufen solche Aktionen als „antifaschistisch“.

Auch Kasparows Pressesekretär Denis Bilunow brachte der Versuch, seine Verfassungsrechte auszuüben, vor allem Polizeibekanntschaft ein. Gleich zwei Mal in zwei Tagen wurde er ohne protokollierten Grund festgenommen. Das Geld, das er für die Bezahlung des Hotels für Kasparows Gruppe mitführte, etwa 3.000 Euro, beschlagnahmte die Polizei, um es auf Blüten zu überprüfen. Eine solche Expertise, versteht sich von selbst, dauert einige Zeit.

Erst das unbedachte und kontraproduktive Auftreten der russischen Sicherheitsbehörden machte den Marsch der Dissidenten zum gefühlten Oberthema des EU-Russland-Gipfels, um das auch die Pressekonferenz kreiste. „Mich beunruhigt die Tatsache, dass einige Probleme hatten, hierher zu kommen“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel. Präsident Wladimir Putin mimte den Unschuldigen. „Ich habe nichts gegen die Märsche“, sagte er. Nur sollten sie nicht die Mitbürger am normalen Leben hindern – eine Aussage, die er vor zwei Wochen zur tagelangen Blockade der estnischen Botschaft in Moskau durch „Unsere“-Aktivisten nicht getroffen hatte. Eine lupenreine Demokratie gebe es überhaupt nicht, betonte Putin. Alles sei eine Frage der Interpretation, und in dieser Disziplin sind die Polittechnologen im Kreml besonders erfindungsreich. Für Putin geht es um die Frage, ob das Glas halbvoll oder halbleer sei. Für die Opposition in Russland ist bedeutender, ob der Inhalt überhaupt genießbar ist.

Der Streit um die Demokratie unterstrich zusätzlich, wie frostig das Klima zwischen der Europäischen Union und Russland geworden ist. Merkel, Putin und EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso versuchten, die Konflikte kleinzureden. „Wir haben fast für alle Fragen eine Übereinkunft erzielt“, verkündete Putin, „mit Ausnahme der schwierigen Fragen“. Die sind allerdings in der Mehrheit. Polens Veto gegen Neuverhandlungen des Partnerschafts- und Kooperationsabkommens als Antwort auf Russlands Embargo für polnische Fleischeinfuhren, das gestörte Verhältnis zu Estland und Litauen und das geplante amerikanische Raketenabwehrsystem in Mittelosteuropa gaben Stoff zum streiten. Die einst teilweise technische Frage des Fleischboykotts ist mittlerweile zum schwer lösbaren Politikum geworden. Barrosos Solidaritätserklärung mit Polen, dies sei nun ein europäisches Thema, klang nach Druckerhöhung und erstem Verzweiflungsschub zugleich.