Wo liegt eigentlich Springfield, USA? Überall. Und auch seine Bewohner sind überall in den Staaten zu finden. Der indische Discounthändler, der 24 Stunden am Tag arbeitet. Der Evangelikale, der glaubt, Darwin sei der Teufel und selbst dem Pfarrer mit seinen Bekenntnissen auf die Nerven geht. Der Milliardär, der für seinen Profit über Leichen stiefelt. Der überforderte Schuldirektor mit dem Vietnam-Syndrom. Der Sci-Fi-Nerd, der noch nie eine Frau angefasst hat. Der traurige jüdische Clown. Der unfähige Polizeichef, der korrupte Bürgermeister, der cholerische Schulhausmeister, der Mafioso, der spricht wie in einem Scorcese-Film. Der Bettnässer, das Scheidungskind. Etliche mehr könnte man hier aufzählen und alle kommen uns bekannt vor. Und natürlich ist da die Familie Simpson selbst. Homer, der ungeschickte Angestellte in einem Atomkraftwerk, seine ewig treue Frau Marge, der Lausbub Bart, dessen einzige Schwäche die unerwiederte Liebe zu seiner Lehrerin Edna Krabapple ist, die intellektuelle, missverstandene Lisa und das Baby Maggie, das niemals wächst.

Sie alle leben in dem modellhaften amerikanischen Mikrokosmos Springfield, wo es Denkmäler von Westernhelden gibt, Strip Malls, Duff Bier, gelbe Schulbusse, ein Naturkundemuseum, ein Chinatown, ein Schwulenviertel. In Springfield gehen alle am Sonntag in die Kirche und der Fernseher läuft immer. Hier sucht Lisa nach dem Sinn des Lebens und Marge hält die Familie zusammen. Die Feuersteins der Moderne, bloß für Erwachsene. Am Sonntag zeigt Fox die 400ste Show, das ist beinahe ein Rekord – es gab nur eine einzige Comedy, die mehr Folgen hatte (435 nämlich), "The Adventures of Ozzie & Harriet" und die lief zu einer Zeit, als es noch keine 250 Programme gab. Seit zwanzig Jahren kommen die gelben Vierfingerlinge in Millionen amerikanische Wohnzimmer und zu 40 Millionen Menschen in 75 Ländern.

Die Bandbreite an Prominenten, die bereits in den "Simpsons" aufttraten, ist atemberaubend: Elizabeth Taylor, Paul McCartney, Mick Jagger, Kirk Douglas, Stephen Hawkin, Hugh Hefner, Thomas Pynchon, Tom Wolfe, Susan Sarandon, Larry King ... sogar Rupert Murdoch selbst — auf dessen Sender die Simpsons laufen, hatte einen Kurzauftritt, in dem er sich als "der böse tyrannische Milliardär Rupert Murdoch" vorstellte. Die Show ist reich an kleinen kulturellen Referenzen: Mal taucht ein jiddisch sprechender Alfred E. Neuman auf, mal tut Lisa so, als sei sie eine Indianer-Prinzessin, und oft genug wandert die Familie durch die Zeiten: durch Robin Hoods England, Alexander Dumas‘ Frankreich, Paul Reveres Amerika. Selbst wenn Bart zu Anfang seine Strafarbeiten an die Tafel schreibt, blitzen aktuelle Bezüge auf (etwa, wenn er schreibt: "Ich darf keine Wahlen fälschen"). Manchmal parodiert auch das Leben die Simpsons, statt umgekehrt: So nannte Albuquerque, New Mexico, seinen Baseballclub "The Isotopes" - nach dem Verein in Springfield. Und gelegentlich parodieren die Simpsons auch den rechten Schwestersender "Fox News".

Matt Groening, der die Simpsons ebenso erfand wie die Nachfolgeserie "Futurama", ist der Sohn eines ernsthaften Dokumentarfilmers, der Homer hieß. Bevor er zum Fernsehen kam, zeichnete er die Cartoons "Live in Hell" für die Village Voice. 1987 sollte er für die Tracey Ullman-Show ein paar Charaktere zeichnen. Erst wollte Groening einfach "Live in Hell" animinieren. Als er aber erfuhr, dass er die Rechte an seinen Figuren an Fox abtreten müsse, erfand er lieber neue Charaktere. Einer der Produzenten - Sam Simon - glaubte, dass die Simpson höchstens ein Jahr überleben könnten.

Natürlich ist es einfacher, jahrzehntelang frisch zu bleiben, wenn es keine Kinderstars gibt, die altern, keine Schauspieler, die aussteigen wollen, keine Charaktere, die zur Parodie ihrer selbst werden können (außer, vielleicht, Homer). Eine Irritation gab es für Fox im April 2004, als die Synchronsprecher (die alle mehrere Charaktere sprechen), erfolgreich streikten, um ihr Honorar zu verdoppeln, ein Ansinnen, das angesichts eines Jahresumsatzes von drei Milliarden Dollar verständlich ist.