Im Märchen siegen immer die Geißlein, weil der Wolf eher blöd als böse ist. Wer sich die Mühe macht, die Dokumente zu lesen , wird auch im Fall Wolfowitz zu dieser Einsicht kommen. Hat der Mann seiner Geliebten Sha Riza einen Sweetheart-Deal verschafft, also den süßen Nepotismus gepflegt?

Nicht ganz. Erstens musste die Frau weg, weil nach den Regeln der Weltbank die Freundin nicht dem Boss unterstellt werden darf. (W. hatte das Verhältnis schon vor Amtsantritt gemeldet.) Hat sie zu viel bekommen? Nicht gemäß den Regeln der Weltbank. Wer "abgeordnet" wird (hier: ans U.S. State Department), darf für den Karrierebruch Kompensation fordern. Also wurde sie in die H-Klasse befördert, mit einem Plus von 47.430 Dollar. Damit stieg ihr Jahresgehalt auf 180.000 Dollar. Bloß gibt es in der Weltbank an die tausend solcher H-Menschen, mit Gehältern zwischen 132.000 und 232.000 Dollar. Die Dame, die übrigens schweigt und schweigt, blieb also im Mittelfeld.

Hatte Wolfie das an den Gremien vorbeigemogelt? Mitnichten. Er trug's vor den Ethik-Ausschuss, und der segnete das Geschäft ab - mehrfach. Woher also das Verdikt der Blödheit? Wolfowitz hätte sich mit Händen und Füßen dagegen wehren sollen, den Deal selber zu verhandeln, diese Arbeit dem Ethik-Ausschuss oder der Personalabteilung überlassen sollen. Das wurde ihm zum Verhängnis; er sah die Falle nicht, in die er tappte. Genauso wenig wie der Grimmsche Wolf, der sich von den Wackersteinen in seinem Bauch in die Tiefe ziehen ließ.

Der echte Wolf ersoff, Wolfie bekommt ein hübsches Trennungsgeld von 400.000 Dollar. Und eine Erklärung der Bank, die ihn mehr oder weniger salviert: "Er hat uns davon überzeugt, dass er ethisch und in gutem Glauben gehandelt hat. Wir akzeptieren das." Das Aufsichtsgremium fügt hinzu: "Verschiedene Fehler wurden von verschiedenen Individuen begangen." Dennoch kritisiert ihn das Gremium ob "seines fragwürdigen Urteilsvermögens". Krasser gesagt: wegen seines törichten Verhaltens im Minenfeld der Weltbank-Politik, das das Aufsichtsgremium als "übermäßige Beschäftigung mit seinem Eigeninteresse und nicht mit den besten Interessen der Institution" auslegte.

Doch ist das nur eine Moral von der Geschicht'. Klaus Kleinfeld wurde auch nicht wegen erwiesener Unfähigkeit geschasst; er hatte Siemens im Gegenteil fette Renditen und Aktienkurse verschafft. Aber er hatte sich mit größeren Mächten angelegt - mit den Säulen der "Deutschland A.G.", die es dem jungen "Großwiese" (interner Jargon) übel nahmen, wie er Verlustsparten abwarf und Shareholder-Value predigte. Da reichte es schon, mit den Untersuchungen der US-Börsenaufsicht (SEC) zu wedeln - obwohl Unterschleif und Korruption in die Zeit seines Vorgängers fielen. Das politische Todesurteil lautete: Wenn die SEC kommt, müssen Sühneopfer her.

Wolfowitz hat den tradierten Comment ebenfalls angetastet, ohne sich um die Überzeugungs- und Koalitionsarbeit zu kümmern. Er wollte viel mehr Bank-Geld in die ärmsten der armen Länder schaufeln, aber gleichzeitig auch die Korruption bekämpfen. Das erfordert mehr Geschick, als Wolfowitz in seinem Wunsch, Sühne für den Irak-Krieg zu leisten, im Köcher hatte. Der Mann ist hochintelligent, aber wenn Intelligenz der Maßstab wäre für erfolgreiche Politik, säßen in den Kabinetten der Welt nur noch Nobelpreisträger.