"Noch nie", sagt er "habe ich jemanden getroffen, der nicht tanzen kann." Seit mehr als 30 Jahren arbeitet er als Choreograf mit Kindern und Jugendlichen. Ob es Straßenkinder in Äthiopien waren, traumatisierte Jugendliche aus Bosnien oder behütete Schüler in Mitteleuropa, ganz egal, sagt er, "jeder hat das Potenzial zum Künstler." Wenn er eine Gruppe trifft, mit der er ein Tanzprojekt beginnt, ist er sich ganz sicher: "Wir werden gemeinsam eine großartige Aufführung schaffen." Bei einer anderen Veranstaltung fügte er hinzu: "Sollte es Lehrer geben, die nicht glauben, dass jeder Schüler lernen will und kann, dann sollten sie die Schwelle zum Klassenraum nicht überschreiten."

Maldoom, ein Zauberer? Ein Originalgenie? Gar ein Verführer? Nein. Wir erleben etwas eigentlich ganz Selbstverständliches, woran allerdings viele Erwachsene, leider auch viel zu viele Lehrer, so recht nicht glauben: Dass jedes Individuum ein einmaliges Potenzial hat und dass es dieses herauszulocken gilt. "Sie tanzen graziös," sagt Maldoom, "wenn es gelungen ist, die Blockaden zu beseitigen." Diejenigen Lehrer, die bei solchen Worten den Kopf schütteln, und das sind viele, finden in ihrem Alltag ständig Gegenbeweise, die solch schöne Schwärmereien, wie sie meinen, widerlegen. Wenn sie dann doch die Zusammenarbeit mit Maldoom wagen, kommen diese skeptischen Pädagogen nach der Aufführung häufig zu ihm und können gar nicht fassen, was ihre Schüler alles können. "Das hätten wir nie geglaubt", sagen sie dann. Sein lakonischer Kommentar: "Jetzt kennen sie ja die Ursache."

Auch in der Grundschule in St. Pauli, die am ersten "Can do can dance"-Tanzprojekt im vergangenen September teilnahm, war man schon nach den ersten Tagen erstaunt. Lehrer Axel Wiest nannte es "ein großes Mysterium", dass neunzig Kinder es schaffen, fünf Minuten lang ganz still zu stehen und erst recht, dass sie sich darin einig sind, nach drei Wochen ein Ergebnis auf die Bühne bringen zu wollen. Lehrer trauten ihren Augen nicht, wie die Drittklässler täglich stolzer wurden. Und als die Schüler dann mit anderen Laientänzern an einem Samstagabend vor 1400 Besuchern im voll besetzten Schauspielhaus auftraten, glaubten manche Kinder nicht, dass sie das selbst waren. Die drei Wochen mit täglich drei Stunden Tanz seien mehr wert als ein ganzes Jahr Schule, war das Resümee von Christian Burian, einem anderen Lehrer der Schule.

Das alles könnte zu dem Schluss führen, den Tanz doch effektiv zu fördern und überall zu nutzen, um solch reiche Ernte einzufahren, die Schulen gewöhnlich versagt bleibt. Vorsicht. Jetzt wird es brenzlig. Wir sind im Bereich paradoxer Wirkungen. Maldoom und die anderen Choreografen, mit denen er das Hamburger Tanzprojekt macht, arbeiten mit Kindern, Jugendlichen, Behinderten oder Alten nicht wegen dieses Effektes, sondern – das klingt etwas pathetisch – um der Schönheit willen.

Die große Wirkung ist natürlich sehr willkommen, aber sie ist ein Nebenprodukt. Der Tanz selbst ist das Ziel. Es ist ein bisschen wie im Märchen, wo die Zauberfee verschwindet, sobald man sie barsch bei ihrem Namen nennt. Wird der Tanz als Mittel instrumentalisiert, tritt der pädagogische Midas-Effekt ein. Der antike König, der sich gewünscht hatte, dass alles, was er anrührt zu Gold werde, hätte verhungern müssen, wenn sich die Götter seiner nicht erbarmt hätten. So geht es auch immer wieder der Schule. Sie vereitelt das Lernen, wenn sie die Welt zu Schulstoff zermalmt. Wenn das Ergebnis all der Aktivitäten schon vor dem Anfang feststeht, warum soll man sich eigentlich noch auf den Weg machen? Lernziele, die nur noch erfüllt werden müssen, geben der Welt einen faden Geschmack. Sie wird nicht zu Gold, sondern zu Pappe. Wenn sich am Ende auch in der Schule das Lernen nicht völlig vermeiden lässt, dann trotz dieser abgekarteten Schulkultur. Es gelingt eben nie vollständig, aus Schülern und Lehrern Aufziehpuppen zu machen. Aber warum lässt man sie eigentlich nicht selbst tanzen?

An Menschen wie Royston Maldoom kann man begreifen, warum es nichts bringt, gelungene Projekte bloß zu kopieren, um sie als standardisierte Erfolgsmethoden "flächendeckend umzusetzen." Jetzt nicken alle, die meinen, ein Maldoom sei halt ein Charismatiker, eine Ausnahme, gerade recht für Vorzeigeprojekte, die man einem Luxuspublikum im Rathaus zur Erbauung auftischt. Aber für den Alltag geeignet sei das alles doch überhaupt nicht. Falsch. Ganz falsch!