Bahnen wir uns mit einem Zitat den Weg. Der alte Georg Christoph Lichtenberg hilft: "Jeder ist des Jahres zumindest einmal ein Genie." Und Kinder, darf man hinzufügen, sind es des Tages einmal, zumindest. Woran es allerdings mangelt, das sind Erwachsene wie Maldoom, die andere herausfordern, weil sie wie die Kinder die Quellen ihrer Leidenschaft nicht verstopft haben. Erwachsene also, die mit ihrer Leidenschaft anstecken und so das Potenzial anderer hervorlocken.

Aber Leidenschaft ist ohne Leiden nicht zu haben. Das ist das Problem. Franz Kafka sprach von seiner "wunderschönen Wunde", mit der er auf die Welt gekommen sei. Die Alternative zu dieser Wunde ist die Narbe. Eine empfindungslose Zone. Das Genie ist hungrig und wird von den Ergebnissen seines Wunsches nach Vervollkommnung nie ganz satt. Es ist ein fragiles Individuum. Es handelt nicht im fremden Auftrag.

Im Film Rhythm is it gibt es eine Schlüsselszene. Der Dokumentarfilm zeigt Maldooms Arbeit mit Teenagern für eine Aufführung der Berliner Philharmoniker von Stravinskis Le Sacre du Printemps . Der Fokus der Kamera liegt auf einer Gruppe von Hauptschülern. In einer Szene empfiehlt Maldoom einigen Jugendlichen, nach seinem Projekt in einer anderen Ballettschule weiterzumachen. Sie hätten das Talent dazu. Da mischt sich deren freundliche, aber grundbesorgte Lehrerin ein. Abends im Dunklen, fragt sie, alleine mit der S-Bahn noch nach Wilmersdorf?

Wie groß ist der Unterschied zwischen zynischen Lehrern, die die Potenziale ihrer Schüler in Abrede stellen und den überbesorgten Sozialpädagogen, die ihren Schülern eine Opfergemeinschaft gegen die Zumutungen der Welt anbieten? Beide Fraktionen verzichten auf die Herausforderung.

Maldoom, der an die Kunst, an die Schönheit und vor allem an die Menschen glaubt, ist übrigens kein Softi. "Ich bin sehr streng." Dieser Satz gehört zu seiner Begrüßung, wenn er einen Kurs beginnt. Regeln, Rituale und Reviere sind ihm unabdingbar, wenn etwas gelingen soll. Form muss sein. Aber er weiß auch, dass nur das wirklich gelingen kann, was auch scheitern darf. Damit haben die Pädagogen ihre größten Schwierigkeiten. Es ist ja nun mal so, dass viele den Pädagogenberuf gewählt haben, um biografische Risiken zu vermeiden. Sie verstehen sich als Vermittler von Stoff, nicht aber als Teilnehmer an der Welt.

Deshalb plädiert Royston Maldoom dafür, Künstler, aber auch Tischler oder Geschäftsleute an Schulen zu holen. "Egal ob es sich um Geografie oder Mathematik handelt, " sagt er, ,,Kommunikation läuft über Leidenschaft." Kinder und Jugendliche haben tatsächlich Sehnsucht nach diesen Botschaftern aus der tätigen Welt. Man könnte sie auch Vorbilder nennen. Das ist etwas ganz anderes als die neuerdings wieder verlangte "Wertevermittlung". Werte sind durch Handeln zu beglaubigen, nicht mit wohlfeilen Worten zu predigen. Sie sind das Implizite schlechthin. Fordert ausgerechnet ein Feigling die Kinder zum Mutigsein auf, reagieren sie allergisch. Die Erwachsenen könnten sich eine Scheibe von deren Unbestechlichkeit abschneiden.