Eigentlich ist Gro Nystuen Völkerrechtlerin. Während der Friedensverhandlungen von 1995 bis 1997 beriet die Norwegerin den damaligen EU-Vermittler für den Balkan, Thorwald Stoltenberg, und anschließend den Hohen Beauftragten für Bosnien und Herzegowina, den früheren schwedischen Regierungschef Carl Bildt. An der Ottawa-Konvention gegen die Verbreitung von Antipersonenminen, die 1997 beschlossen wurde, hatte sie ebenfalls großen Anteil.

Seit 2004 leitet sie den „Etikkradet“, den Ethikrat des mächtigen staatlichen Pensionsfonds Norwegens. Das Gremium prüft, welche Unternehmen ethisch korrekt wirtschaften , denn die Staatsgelder sollen nur in Anteile solcher Firmen fließen. Pro Jahr durchleuchten die Mitarbeiter des Rats zwischen drei- und viertausend Unternehmen. Auf Basis ihres Ratschlags entscheiden die Verwalter des Pensionsfonds im Finanzministerium, welche Firmenanteile sie verkaufen oder behalten. Bislang folgten sie stets den Empfehlungen der Ethik-Experten.

Rund 200 Milliarden Euro stecken in dem Fonds – entsprechend groß ist sein Einfluss am Kapitalmarkt. Verkauft das Ministerium die Anteile der vom Ethikrat kritisierten Unternehmen, so setzt die Behörde damit ein deutliches Signal, denn sie begründet ihre Entscheidung in aller Öffentlichkeit.

Wie der „Etikkradet“ arbeitet, lässt sich an einem Beispiel zeigen. So sollen Unternehmen, die Geschäfte mit Bauteilen von Atomwaffen und Splitterbomen machen, aus dem Fonds ausgeschlossen werden. „Wir verbrachten sechs Monate der Recherche, um die Unternehmen daraufhin zu prüfen“, erinnert sich Nystuen. Wie schwierig das ist, konzentriert sie in einer Frage: „Wer zum Teufel bestimmt überhaupt, was ein Bauteil für solche Bomben ist?“ Jede Schraube könne das sein.

Normale Vermögensverwalter könnten so etwas kaum untersuchen, findet Nystuen. Sie zweifelt deshalb an der Behauptung vieler Fondsanbieter, die verwalteten Gelder ausschließlich ethisch korrekt zu investieren. „Wie können sie sich dessen sicher sein?“ fragt sie. „Nur das Verteidigungsministerium kann eine Antwort auf diese Fragen geben.“

Nystuen will es genau wissen. Sie gehe sehr systematisch vor, sagt ihr Kollege Steffen Kongstad, im norwegischen Außenministerium stellvertretender Leiter der Abteilung „UNO, Frieden und humanitäre Angelegenheiten“, und sei besser organisiert als alle Personen, mit denen er je gearbeitet habe. In Verhandlungen trete die schlanke, blonde Frau „verdammt ernst und extrem bestimmend“ auf: „Sie argumentiert so lange, bis die Leute nachgeben.“

In Bosnien trug Arbeit der Völkerrechtlerin viel zur neuen Verfassung bei. „Sie brachte nicht nur ihr verfassungsrechtliches Wissen ein, sondern sah auch, was angesichts der schwierigen politischen Situation machbar war“, erinnert sich Kongstad. Das Ergebnis sei zwar nicht perfekt, aber unter den damaligen Umständen das einzig Machbare gewesen. Mit dieser Äußerung spielt er auf Kritiker des Vertrags an. Sie bemängeln, das Abkommen verhindere bis heute die Entstehung einer demokratischen, multiethnischen Gesellschaft.

Nystuen gibt ihnen in mancherlei Hinsicht Recht. Das Abkommen erlaube bis zu einem gewissen Grad ethnische Diskriminierung, räumt sie ein, doch: „Wenn das nötig ist, um Krieg und Gewalt zu beenden, hat man keine Wahl, selbst wenn man gegen Rassismus ist“, argumentiert sie. „Ich bin pragmatischer als andere. Meine Priorität bei bewaffneten Konflikten ist, dass die Menschen aufhören, sich gegenseitig umzubringen. Man kann nicht das Leben der Menschen auf dem Altar mancher Menschenrechte und perfekter Verträge opfern.“ Meist bleibe nur die Wahl zwischen einer schlechten Lösung und einer schrecklichen.