Karl Jobst ist ein viel beschäftigter Mann. Er ist Wasserbauer, aktiver Kommunalpolitiker und ehrenamtlicher Leiter des kleinen Heimatmuseums von Wackersdorf. Viel gibt es in den engen Räumen nicht zu sehen. Ein paar historische Fotos und Schautafeln, Gesteinsproben und alte Bergmannsutensilien. Und es gibt auch nur ganz wenig Anschauungsmaterial über jene sieben Jahre, die den kleinen Ort in der Oberpfalz auf der ganzen Welt berühmt gemacht haben: Die Pläne zum Bau einer atomaren Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) und die erfolgreichen Proteste dagegen. Dabei hätte Karl Jobst vor allem gerne ein Stück vom Bauzaun in seinem Museum ausgestellt, damit sich auch seine Kinder vorstellen können, "was damals hier los war". Aber da war nicht ranzukommen.

Wenn der 60-Jährige erklären soll, was damals in Wackersdorf los war, dann spricht er vom "Bürgerkrieg", der sich dort jedes Wochenende abspielte, "jahrelang".

Grün war der Bauzaun von Wackersdorf, drei Meter hoch, aus Stahl und mit einer Krone aus Nato-Draht, und er glich damit ziemlich genau jenem zwölf Kilometer langen Sperrwerk, das die Teilnehmer des G8-Gipfels in Heiligendamm vor den protestierenden Globalisierungskritikern und militanten Autonomen schützen soll. Und auch manche der aktuellen Debatten erinnern an die Auseinandersetzungen vor zwei Jahrzehnten. Was heute die Angst vor der Globalisierung ist, war damals die Angst vor dem Atomstaat.

In Wyhl, Grohnde, Brokdorf und Gorleben demonstrierten seinerzeit Hunderttausende AKW-Gegner. Die Auseinandersetzungen an den Bauzäunen wurden zu einem Kristallisations¬punkt für die Entstehung der Umweltbewegung. Der Staat reagierte hilflos auf die protestierenden Bürger und rüstete seine Polizei auf. Gleichzeitig gab es militante Demonstranten, die nicht nur die WAA bekämpfen wollten, sondern die gesamte kapitalistische Gesellschaft. Die radikalisierten Kinder der 68er-Bewegung trafen auf konservative Naturschützer. Es waren die Geburtswehen eines neuen gesellschaftlichen Milieus. Doch nirgendwo eskalierten die Auseinandersetzungen so heftig wie in der bayerischen Provinz.

Der damalige bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß wollte nicht über die Nebenwirkungen der Atomenergie reden. Für den CSU-Politiker war eine WAA so gefährlich wie eine Fahrradfabrik. Bürgerbeteiligung war für die CSU-Staatsregierung ein Fremdwort, Deeskalation überflüssig. Die Wahl fiel auf Wackerdorf, weil die Region als strukturschwach galt und die Bevölkerung als "industriegewohnt". Ein Irrtum, wie sich schnell herausstellte. Auch die Polizei machte viele Fehler und trieb damit die friedlichen Demonstranten in die Armee der Chaoten. Rückblickend sagt selbst der ehemalige Wackersdorfer Atommanager Gert Wölfel: "Wir haben viel falsch gemacht. Wir hätten viel mehr mit den Menschen reden müssen", auch über die Risiken und auch wie man diese beherrschen könne.

Ganz Deutschland diskutierte damals über die Atomenergie und ihre Gefahren. Für eine ganze Generation galt es als hip, gegen Atomkraft zu sein. Auch bekannte Künstler mischten damals mit. So wie Bono, Seeed und Silbermond in Heiligendamm ihre Stimme gegen die Armut erheben wollen, spielten damals Udo Lindenberg und BAP gegen den "WAAnsinn". Herbert Grönemeyer war schon vor 21 Jahren dabei. Im Juli 1986 gab es in der Oberpfalz ein großes Rockfestival. Die Stars des Gewerbe spielten um die Wette gegen die "Atommafia". Als am späten Abend des zweiten Tages etwa 100.000 Menschen zusammen mit Rio Reiser im Schein von Feuerzeugen die Ballade "Somewhere over the Rainbow" sangen, da hat die Anti-Atom-Bewegung ihr Erweckungserlebnis, ihr Woodstock.

Nicht nur die Protestkultur, auch der Bauzaun zog die Demonstranten magisch an. Er war das Symbol des Atomstaates, an dem sie rütteln wollten. Die Einheimischen trafen sich zum Protestpicknick, Christen zur Mette, Künstler luden dort zur Performance. Es gab Massendemonstrationen und gewalttätige Auseinandersetzungen. Militante Autonome versuchten den Zaun einzureißen, zumindest symbolisch. Sie rückten mit Bolzenschneidern an, mit Eisensägen und Seilen, schnitten Löcher in das als unüberwindlich geltende Bollwerk.

Nachdem im April 1986 das sowjetische Atomkraftwerk Tschernobyl explodiert war, fand wenige Wochen später zu Pfingsten am Bauzaun in Wackersdorf eine Schlacht statt, wie sie das Land noch nicht erlebt hatte. Vermummte Demonstranten griffen die Polizei an, sägten Löcher in den Bauzaun. Die Polizei warf aus Hubschraubern CS-Reizgas ab und trieb friedliche Demonstranten mit Schlagstöcken zusammen. Über 400 Personen wurden verletzt, ein Polizist starb bei einem Unfall, eine Demonstrantin erlitt einen Herzinfarkt. Sogar der Einsatz der Bundeswehr wurde erwogen. Selbst weiträumige Demonstrationsverbote in der Folgezeit halfen nicht. Die Polizei konnte mit einem Großaufgebot nicht verhindern, dass immer wieder Atomkraftgegner an den Bauzaun zogen, viele friedliche genauso wie gewaltbereite, und die Staatsmacht wusste sich nicht anders zu helfen als mit massiven und als unverhältnismäßig empfundenen Polizeieinsätzen.

Statt über Atomenergie wurde fortan über den Rechtsstaat und Polizeistaatsmethoden gestritten, über Demonstrationsverbote und die angemessene Polizeitaktik. Über die richtigen Protestformen und die Gewaltfrage. Doch dann passierte etwas, womit vor allem die bayerische Landesregierung nie und nimmer gerechnet hatte: Die Stimmung in der Oberpfalz kippte. Pastoren, Polizisten und CSU-Kommunalpolitiker wandten sich von dem WAA-Projekt ab. Sie distanzierten sich nicht von den "angereisten Chaoten", sondern von der Staatsmacht.

"Die haben gedacht, mit den Oberpfälzern kann man alles machen", sagt der ehemalige bayerische SPD-Landtagsabgeordnete Dietmar Zierer. Doch so sehr die Landesregierung die Gefahren kleinredete, so sehr wurde sie von den WAA-Gegnern aufgebauscht. An jeder Ecke lauerten der Atomtod, verstrahlte Lebensmittel und Blutkrebs. "Wir haben mit Angst gearbeitet, wir haben die Gefahren natürlich auch übertrieben, wir haben die Leute aufgehetzt", bekennt Zierer heute, "aber wir wussten, dass wir im Recht waren". Und der legendäre Schwandorfer Landrat Hans Schuierer sagt, "ohne die Autonomen hätten wir die WAA nicht verhindert".

Das Aus für die WAA kam im April 1989 dennoch überraschend. "Es waren ausschließlich ökonomische Gründe", versichert Gert Wölfel. Der ehemalige Atommanager ist noch immer davon überzeugt, dass die Anlage politisch und juristisch durchzusetzen gewesen wäre. Die Proteste hätten ihren Zenit bereits überschritten gehabt, die Landesregierung hätte dem Recht Geltung verschafft.

Trotzdem ist das nur die halbe Wahrheit. Längst stellten sich die Atommanager Ende der achtziger Jahre darauf ein, dass schon bald die SPD und damit Kritiker der Wiederaufarbeitung in Bonn regieren würde. Franz Josef Strauß war im Jahr zuvor gestorben und Bundeskanzler Helmut Kohl stand vor dem Sturz oder der Abwahl. Dass es wegen der Wiedervereinigung noch acht Jahre länger dauerte, bis die CDU abgewählt wurde, damit rechnete Anfang 1989 niemand. Die Energiewirtschaft zog die Notbremse. Mit einem Jahrzehnt Verspätung folgte dann unter Rot-Grün die Vereinbarung zum Atomausstieg. Ohne Wackersdorf und die verhinderte WAA allerdings hätte es den wahrscheinlich nie gegeben. Und wenn sich bis heute in Umfragen die Mehrheit der Deutschen gegen die dauerhafte Nutzung der Atomenergie ausspricht, dann ist dies nicht denkbar ohne den gescheiterten Versuch, in Wackersdorf den Einstieg in die Plutoniumwirtschaft durchzusetzen.

Karl Jobst war bei den Protesten von Anfang an dabei. Wenn er pensioniert ist, dann würde er gerne jene 151 Aktenordner auswerten, die seit Jahren völlig unbeachtet im ersten Stock seines Heimatmuseums in einem grauen Wandschrank lagern. Denn diese Ordner dokumentieren ein Stück deutsche Zeitgeschichte. Es ist das komplette Antragsverfahren für eine der umkämpftesten, teuersten und schließlich gescheiterten Industrieprojekte in der deutschen Geschichte.

Der Zaun von Wackersdorf ist längst verschwunden, er ist zerlegt und verkauft worden. Auf dem Gelände ist ein properes Industriegebiet entstanden, in das bereits fertig gestellte Brennelemente-Eingangslager ist BMW eingezogen. Vergessen sind die alten WAA-Pläne. Manchen Autonomen allerdings gelten die Schlachten um Wackersdorf in diesen Tagen als Blaupause für Aktionen, die sie gegen den G8-Gipfel planen. Einer, der schon vor zwanzig Jahren in Wackersdorf dabei war und sich nun auf die G8-Proteste in Heiligendamm vorbereitet sagt: "Ein Loch im Zaun wäre doch eine schöne Symbolik"