Wenn in Belfast eine Bombe hochging, stockte Margret jedes Mal das Herz: „Gütiger Gott, lass meinen Jungen noch am Leben sein“, betete sie dann und dankte, wenn das Kind am Abend sicher nach Hause kam. Jedes Mal, wenn in Belfast eine Bombe hochging, hatte Rachels Zug mindestens eine halbe Stunde Verspätung. „Es war so furchtbar unbequem“. Was für die eine die Todesnachricht bedeuten konnte, war für die andere eine Meldung „so weit weg wie Israel“ – und das ein ganzes Leben lang. Dabei wohnen die beiden Frauen im selben Land, sogar in derselben Stadt. Jetzt, da unter internationalem Jubel der Chef der Protestanten-Partei Ian Paisley und Sinn-Féin-Vize Martin McGuinness Seite an Seite eine gemeinsame Regierung bilden, wird diese Kluft erst wirklich deutlich.

45 Prozent der Nordiren behaupten, von den Auseinandersetzungen zwischen katholischen Nationalisten und protestantischen Royalisten nicht betroffen gewesen zu sein – nicht betroffen von 3700 Toten und 47.500 Verletzten, von 14.000 Bombenanschlägen und 34.000 Gefechten. Dabei bedeutet die Zahl andersherum gelesen, dass für die andere Hälfte der 1,6 Millionen Nordiren der Bürgerkrieg eine Katastrophe war. „Nur das will dann niemand mehr sehen“, sagt Arlene Healey, Familientherapeutin im Family Trauma Center in Belfast. Sie hat unzählige solcher Zahlenbeispiele parat. Und während sie die Kluft mit immer neuen Statistiken belegt, wird sie lauter, hebt ihre Stimme, als müsse sie damit den allgemeinen Friedensjubel dieser Tage übertönen:„Jetzt muss jede dieser Geschichten gehört werden.“ Endlich gibt es Hoffnung.

Das Zentrum für traumatisierte Familien in Belfast ist ein schlichtes rotes Backstein-Reihenhaus in der Stadtmitte. Die 49-jährige Healey sitzt in einem der neun Therapiezimmer auf einem der Sessel in der Mitte des Raumes, an den in warmem Orange getünchten Wänden hängen Malereien ihres Mannes. Vor ihr steht ein niedriger Couchtisch aus hellem Holz, um sie herum gruppieren sich tiefe Sessel mit gelben Kissen. Alles wirkt hell, freundlich und warm, genauso wie sie selbst mit ihrem weißblonden, schulterlangen Haar. „Einmal saß dort ein Mann, neben ihm seine Frau und hier die Kinder.“ Sie zeigt auf die Sessel. „Er lehnte sich bei jedem Satz ständig so merkwürdig vor, als wolle er die Stirn auf dem Tisch ablegen. Ich fragte, ob die Familie von den Troubles betroffen war und alle verneinten. Als ich fragte, warum der Vater sich so seltsam nach vorn neige, sagte er: ‚Entschuldigen Sie, aber eine Bombe hat mir das Gehör weggepustet.’“ Später stellte sich heraus, dass sein Schwiegervater, der Opa seiner Kinder, auf dem Weg zu seiner Familie auf offener Straße erschossen worden war. Verleugnen und Totschweigen – das pflegt man in Nordirland von Generation zu Generation.

Genau aus diesem Grund wandelte Healey das von der öffentlichen Hand finanzierte Traumazentrum, das 1999 für Kinder gegründet wurde, in eines für ganze Familien um – eine düstere Anerkennung der Dimension des Konfliktes. „Häufig wurden Familien als Ganzes angegriffen, ihre Autos oder Häuser zerstört. Kinder können vom Verlust eines Elternteils ebenso traumatisiert sein wie vom Tod eines Onkels, den sie selbst nie kennengelernt haben.“ Es reiche, wenn diese Erfahrung von Bedrohung und Tod irgendwo in die Familie eindringe, damit sie sich abschotte und innere Widerstände weiterreiche.

Während in anderen Konfliktregionen dieser Welt aus solchen Erfahrungen Hasstiraden während des gemeinsamen Abendessens werden, beobachteten Psychologen in Nordirland, wie sich ein bleierner Mantel des Schweigens über die Geschehnisse legte. Darunter freilich toben die gleichen Existenzängste und Bedrohungsgefühle. Die Therapeutin erklärt diesen spezifischen Umgang mit den Kriegsgeschehen mit dem stoischen Charakter der Nordiren. Hier gebe es im Verlgiech zu anderen Ländern kaum Emotionalität in den Familien, Kinder und Erwachsene haben wenig körperlichen Kontakt, geschweige denn, dass sie viel miteinander über Gefühle reden würden.

Die neun Therapeuten des Traumazentrums behandeln jährlich etwa 250 Familien. Sie wollen die Familien, vor allem die Eltern und Großeltern, durch Fragen und Zuhören zum Reden bringen, damit sie ihre eigenen Ängste nicht an die Kinder weitergeben. Die Hauptaufgabe ist, den Familien beizubringen, miteinander über die Gefühle zu sprechen. Dazu machen Haealey und ihre Kollegen Rollenspiele und üben Gesprächstechnik. Im Schnitt kommt eine Familie zu fünf Sitzungen, danach gibt es Beratungen je nach Bedarf, etwa um zu besprechen, ob die Familienmitglieder es wie angestrebt schaffen, einmal pro Woche über ihre Vergangenheit und die Dinge zu reden, die sie bewegen.

Die Einrichtung wirbt für seine Arbeit in den Gemeindezentren der Stadt, aber auch Sozialarbeiter und Lehrer sprechen Familien in den entsprechenden Vierteln gezielt an und empfehlen ihnen eine Behandlung. Wie viele freilich eine Therapie tatsächlich benötigen würden, bleibt im Dunkeln.