Gelassen sieht Jutta Delgado dem kommenden Wahlsonntag entgegen. Am 27. Mai finden in Spanien landesweit Kommunal- und Regionalwahlen statt – auch im mallorquinischen Küstenstädtchen Andratx, der Wahlheimat von Claudia Schiffer und Boris Becker. "Unsere Chancen, die Wahlen zu gewinnen, stehen gut", sagt Jutta Delgado. Mit "uns" meint die 57-jährige Deutsche aus Bad Oeynhausen bei Hannover die Sozialistische Arbeiterpartei Spaniens (PSOE). Seit 33 Jahren lebt Jutta Delgado, die mit einem Spanier verheiratet war, in Andratx. Doch erst in diesem Jahr hat sie sich zum ersten Mal als Kandidatin für die sozialistische Regionalpartei aufstellen lassen.

Gründe hat die Chefsekretärin gleich mehrere: "Vor allem die jüngsten Korruptions- und Bauskandale des konservativen Bürgermeisters haben mich dazu bewogen, selbst aktiv in die Politik einzugreifen. Auch viele Deutsche könnten vom Immobilienskandal betroffen werden", versichert sie. Francisco Feminías stimmt ihr zu. Der sozialistische Spitzenkandidat in Andratx hat gute Chancen, am kommenden Sonntag zum neuen Bürgermeister gewählt zu werden. Erst vor wenigen Wochen wurde der bisherige Bürgermeister, Eugenio Hidalgo, aus der Untersuchungshaft entlassen. Ihm werden Korruptions- und Bauskandale vorgeworfen. Das Image seiner bisher in Andratx regierenden konservativen Volkspartei (PP) ist damit vollends ruiniert. Das weiß auch sein Nachfolger Jaume Porsell, der als neuer Kandidat der Konservativen wohl aussichtslos in die Wahl geht.

Während Jutta Delgado Wahlplakate an Häuserwände klebt, unterhält sie sich angeregt mit Feminías über die Wahlaussichten am Sonntag. Zusammen mit Isabel Kemmer, einer 47-jährigen Apothekenhelferin aus Bremen, die ebenfalls für die Sozialisten in Andratx kandidiert, verteilt sie viersprachige Programmbroschüren und organisiert Wahlkampfmeetings für deutsche und britische Einwohner. "Sie ist sehr engagiert und möchte vor allem die zahlreichen Ausländer, die in unserer Gemeinde leben, besser integrieren", lobt der sozialistische Spitzenkandidat. Ein anderer Grund, warum er gerade eine Deutsche auf seine Wahlliste setzt, bleibt unausgesprochen: die 1.200 gemeldeten deutschen Anwohner stellen in Andratx rund elf Prozent der wahlberechtigten Bürger. Da macht sich der ein oder andere deutsche Kandidat unter den zu wählenden Parteigenossen nicht schlecht.

In einigen Gemeinden auf Mallorca, den Kanarischen Inseln, an der Levante-Küste oder an der Costa del Sol können die deutschen und britischen Einwohner rein rechnerisch sogar den Bürgermeister bestimmen. Folglich hat so mancher lokale Spitzenkandidaten bereits Briten und Deutsche in die Kandidatenlisten ihrer Partei aufgenommen. An der Costa Blanca bei Alicante, wo die EU-Ausländer in einigen Küstenstädtchen sogar 80 Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung stellen, ist die politische Partizipation von Ausländern schon seit Jahren nichts Ungewöhnliches mehr. 25 Ausländer gestalten bereits seit den vergangenen Kommunalwahlen 2003 das Leben in ihren Gemeinden als Stadträte mit. Es lohnt sich. Immerhin dürfen an den landesweiten Wahlen 318.571 ausländische EU-Residenten ihre Stimme abgeben, unter denen sich auch rund 42.200 Deutsche befinden.

Das Parteibündnis Grüne/Vereinigte Linke hat in Andratx sogar einen Deutschen als Spitzenkandidaten. Dabei ist der 72-jährige Rentner und Hobbygärtner Jürgen Keilholz erst vor wenigen Wochen der Partei beigetreten. Insgesamt kandidieren am kommenden Sonntag bei den Kommunalwahlen auf Mallorca um die 20 deutschsprachigen Einwohner.

Die Aufnahme von deutschen Kandidaten in spanische Parteien trifft auf Gegenliebe. Viele Deutsche wie Jutta Delgado sind sehr daran interessiert, auf lokaler Ebene politisch mitzuwirken. Sie wollen sich besonders um die Anliegen der ausländischen Residenten kümmern, die über die Bauskandale erschüttert sind und mehr Umwelt- und Tierschutz in ihren spanischen Gemeinden fordern. Delgados Vorbild ist das Ausländerbüro in der Nachbargemeinde Calvià, wo man sich nicht nur um die Belange der EU-Residenten kümmert, sondern mit Sprachkursen und Veranstaltungen auch die Einwohner anderer EU-Nationen mehr ins Gemeindeleben integriert.