ZEIT online: Herr Scharping, als Präsident des Bunds Deutscher Radfahrer (BDR) sind sie der oberste Chef einer doch ziemlich vergifteten Szene. Wo liegt da Ihre Verantwortung?

Scharping: Zunächst einmal: Vorsicht mit dem Begriff "vergiftete Szene". Der Radsport ist sehr vielfältig. Und schwerste Fehlentwicklungen im Profiradsport bedeuten ja nicht, dass man den gesamten Radsport – Mountainbike, Bahnradsport, Hallenradsport usw. – gleich mitverhaften könnte. Das als Erstes. Das Zweite ist: Natürlich strahlen diese schwerwiegenden Verfehlungen auf den Radsport insgesamt und auf sein Image ab, das gilt auch dann, wenn man in Rechnung stellt, dass vermutlich alles zehn und mehr Jahre zurückliegt. Und das dritte ist: Was ist die Verantwortung unseres Verbandes? Ich will erst mal von mir als Person etwas sagen. Ich habe 1998 im Zusammenhang mit dem Festina-Skandal und seither kontinuierlich gesagt: Wir brauchen ein Zusammenwirken des Sports und des Staates, des Sportrechtes und des Strafrechtes. Und jetzt erst, nach fast 10 Jahren, entschließt sich der Gesetzgeber - Gott sei Dank sage ich hinzu – zu einer entsprechenden strafrechtlichen Sanktionierung. Wie die im Einzelnen aussieht, wird der Deutsche Bundestag entscheiden.

ZEIT online: Haben Sie nicht über Jahre hinweg für die Radfahrer-Elite, die für den Breitensport Vorbild ist, die Hand ins Feuer gelegt?

Scharping: Ich habe mir das nicht vorstellen können. Und ich bin unverändert ein begeisterter Radsportler und Radsportfan, aber ich sehe die enormen Probleme, die bewältigt werden müssen. Das ist wie immer in einer Katharsis eine sehr, sehr schmerzhafte Geschichte. Andererseits ist es auch eine Chance auf Bereinigung und Umkehr. Was mir an der Debatte manchmal etwas aufstößt: In der Bibel steht, im Himmel herrscht mehr Freude über einen reuigen Sünder als über 1000 Gerechte. Und wenn wir jetzt eine Reihe von reuigen Sündern haben und auch mit deren Hilfe die Dinge offen auf dem Tisch sind, dann hindert das einige nicht, das biblische Motto zu vergessen. Was ich sagen will ist: Auch wenn das schwierig ist, muss natürlich auf der einen Seite die Aufklärung ganz konsequent ohne Rücksicht auf Personen, ohne Rücksicht auf Umstände gemacht werden, weil davon auch die Glaubwürdigkeit des Antidoping-Kampfs in der Zukunft beeinflusst wird. Andererseits – jetzt reden wir mal konkret zur Sache: Epo ist seit 2001 nachweisbar. Dass es das vorher, nicht nur beim Radsport, vermutlich flächendeckend gegeben hat, das wissen wir heute. Wir wissen aber auch: Wir können es jetzt nachweisen. Der Bund Deutscher Radfahrer sagt: Wir werden von jedem Athleten, von jedem Profi Blutprofile anlegen, weil wir durch das bisherige System einzelner Kontrollen immer nur das einzelne Ereignis sehen, nie aber die Veränderung im Verlauf.

ZEIT online: Wann haben Sie das angeregt?

Scharping : Das haben wir im August 2006 beschlossen. Wir setzen das konsequent um. Konsequent heißt, dass alle der über 400 Kaderathleten und Profis jetzt in diesem Programm drin sind. Es ist ja interessant zu sehen, dass wir da ein Konzept entwickelt haben, das international aufgegriffen wird, nicht nur im Radsport. Auch national wird es aufgegriffen: Wir machen das jetzt gemeinsam mit allen Ausdauersportarten, von den Nordischen Skiwettbewerben bis hin zum Triathlon. Das nächste ist: Wenn wir in Zukunft solche betrügerischen Umstände vermeiden wollen, dann müssen wir nicht nur auf die Zahl der Kontrollen gucken, sondern ihre Qualität verbessern.

ZEIT online: Sie haben vorhin gesagt, Sie hätten sich das nicht vorstellen können. Da stehen Sie aber ziemlich allein da. Jeder in Deutschland hatte eine Ahnung.

Scharping: Ja, das behaupten heute viele. Und was haben die damals gemacht?

ZEIT online: Es kommt drauf an, wer die Sportler anhält, etwas dagegen zu machen. Sie hätten ja die Möglichkeit gehabt.

Scharping: Welche denn?

ZEIT online : Über den Verband. Sie sind eine Stimme, die gehört wird, Sie werden zitiert...

Scharping: Ja, ich als Person, nur – sorry, aber ich bin seit 2005 Verbandspräsident. Zu allen anderen Themen müssen Sie meine Vorgänger fragen. Aber man muss schon sagen, dass der Straßenradsport, seit er professionalisiert ist, zu einem großen Teil außerhalb der Verbandsstrukturen organisiert ist. Dies ist der Grund dafür gewesen, dass wir bei den Runden Tischen nach der Suspendierung von Ullrich und Basso bei der Tour de France, gesagt haben: Leute, es hilft gar nichts. Der BDR kann seinen Teil tun, aber es müssen alle gemeinsam etwas tun. Die Teams und die Veranstalter müssen dazu, ebenso die anderen Ausdauersportarten und der internationale Verband. Der zweite Punkt ist dieser Schock – wir haben ja ausdrücklich gesagt, wir werden jetzt alle zusammen bitten und sagen: Hier, Fakten auf den Tisch. Denn ich kann nicht ausschließen, dass in der Vergangenheit auch beim BDR der eine oder andere etwas gesehen hat, aber nicht sehen wollte. Wir werden in sehr kurzer Frist, die bei uns angestellten Trainer zu Erklärungen auffordern: alle, die von uns Aufträge erhalten, auch die Mediziner und genauso die Sportler.