Norbert Bisky, Maler: Documenta 9 (1992)

Damals war ich 22 Jahre alt, interessierte mich zwar für Kunst, dachte aber gar nicht daran, Künstler zu werden. Ich arbeitete als Altenpfleger in der Berliner Siemensstadt. Mit zwei Freunden fuhr ich mit der Bahn zur Documenta, weil klar war, das müssen wir sehen. Morgens ging es hin, abends fuhren wir mit dem letzten Zug zurück, auf dem Gelände selbst trennten wir uns. Ich habe mein eigenes Tempo und möchte ungern Rücksicht nehmen. Allein durch eine Ausstellung zu gehen, das ist mir am liebsten.

Ich blieb den ganzen Tag auf der Documenta. Meine Erinnerung scheint mir relativ klar, weil mich der Besuch mehr geprägt hat, als ich vorher geahnt hatte. Besonders drei Werke fallen mir sofort ein. Zum einen hat mich der leere weiße Raum von James Lee Byars beeindruckt. Ich glaube, er befand sich im Fridericianum. Mir ist noch in Erinnerung, dass ich die Treppe mehrere Etagen hochsteigen musste, an mehreren Räumen voller Installationen vorbei – und auf einmal sah ich diesen leeren Raum. Er war etwa 30 Quadratmeter groß, der Boden und die Wände waren schneeweiß gestrichen, die Sonne schien herein – und es sah wahnsinnig toll aus. Der Raum war mit Kordeln abgesperrt, alle sahen ganz ehrfurchtsvoll hinein. Byars wurde in dem Moment zu einem meiner Lieblingskünstler. Der Raum hat mich so beeindruckt, dass ich in meiner Berliner Ofenheizungs-Wohnung den Fußboden weiß gestrichen habe. Ein Riesenfehler! Da sieht man jeden Schuhabdruck, vom Kohlendreck ganz zu schweigen.

Sehr gut gefiel mir auch eine Installation von Ilja Kabakov, dem russischen Künstler. Sie bestand aus einer Hütte auf dem Gelände der Documenta. Darin kombinierte er die schäbige Einrichtung einer russischen Kommunalwohnung mit der eines Toilettenhäuschens. Ich fand, das war ein drastischer Kommentar zu den damaligen Wohnverhältnissen in Russland. Und dann gab es die Malereien von Marlene Dumas, eine südafrikanische Künstlerin. Es war ein ganzer Raum mit feinen Arbeiten auf Papier, die Motive waren Sex and Crime – entweder wurden die Leute erschlagen, haben gevögelt oder beides zusammen.

Alle Arbeiten, die ich auf der Documenta gesehen habe, beschäftigen mich noch heute. Wenn ich darüber nachdenke, stelle ich fest, dass die Documenta mich ermutigt hat. Ein halbes Jahr später, im Januar 1993, habe ich mich entschieden, Maler zu werden und mich auf ein Kunststudium vorzubereiten.

Norbert Bisky wurde 1970 in Leipzig geboren. Er wuchs im Berliner Osten auf. An der Berliner Hochschule der Künste studierte er ab 1994 unter Georg Baselitz. Bekannt wurde Bisky mit figürlicher Malerei, die an Arbeiten des sozialistischen Realismus und der Pop-Art erinnern. Er lebt als Maler in Berlin.