Eine große, schwierige 8. Hauptschulklasse in einem süddeutschen Brennpunktstadtteil. Im Raum sitzen 17 Jungen und die Lehrerin. Die Mitschülerinnen sind in einem anderen Raum. Thema der Deutschstunde: ein Jugendromanauszug. Es geht um einen Jungen, Christian, den zu Hause alles ankotzt. Er zofft sich heftig mit seiner Mutter, schmeißt die Haustür zu, haut ab zum Bahnhof. Es ist der Beginn einer hier schon angedeuteten Karriere als "Straßenkid" (so auch der Titel des Romans von Uwe Britten). Viele Jungen der Klasse, sonst im Literaturunterricht deutlich passiv, oft demonstrativ abweisend und sogar aggressiv, zeigen hier Empathie mit der Hauptfigur und sogar seiner Mutter. Sie diskutieren engagiert miteinander und vergleichen Christians Verhalten mit ihrem eigenen. Die demonstrative Coolness, die sie sonst, wenn die Mädchen dabei sind, häufig im Deutschunterricht zur Schau tragen, wird mehr und mehr abgelegt. Am Ende der Doppelstunde zeigt sich die Lehrerin überrascht: So habe sie die Jungs noch nie in Deutsch erlebt. Ein Einzelfall? Oder doch ein Hinweis darauf, dass zeitweise geschlechtergetrennter Unterricht ein Weg sein kann, um Mädchen und Jungen zu fördern?

Ich bin aus drei Gründen dafür, Schulklassen zum Teil in allen Fächern geschlechtergetrennt zu unterrichten. Nicht dogmatisch, nicht bedingungslos, aber doch als zu prüfende Möglichkeit und Chance.

Eine zeitweise Trennung nach Geschlecht ist zum einen Antwort auf die Koedukationskritik der letzten 30 Jahre in Forschung und Schulpraxis. Wir wissen ziemlich gesichert: Eine unreflektierte Koedukation ändert kaum etwas am heimlichen Lehrplan der Geschlechtersozialisation, vor allem Mädchen werden im Schul- und Unterrichtsalltag diskriminiert, können ihr Selbstbewusstsein schlechter zur Entfaltung bringen, das geschlechtertypische Berufswahlverhalten von Jungen und Mädchen bleibt häufig unangetastet. Aber auch Jungen werden ihrer Entfaltungsmöglichkeiten beraubt. Die coole Maske aufsetzen, komme was wolle, gerade emotional gefärbte Themen von sich weisen, das lernen viele Jungs auch innerhalb des Unterrichts. Gleichzeitig gibt es deutliche Hinweise darauf, dass geschlechtergetrennter Unterricht in sogenannten "Jungenfächern", vor allem Technik, Informatik, Physik, Mathematik, dafür sorgen kann, dass Mädchen höhere Leistungen zeigen und ein fachspezifisches Selbstvertrauen ausbilden. Nicht umsonst integriert das Konzept einer "Reflektierten Koedukation" auch geschlechtergetrennte Phasen. Eine zeitweise Trennung lediglich in "Jungenfächern", um Mädchen zu stärken, greift allerdings zu kurz und spielt darüber hinaus die Interessen der Mädchen und der Jungen gegeneinander aus.

Zum Zweiten erlebe ich in meinem Unterrichtsalltag an einer Grund- und Hauptschule, dass für die meisten der Schüler/innen geschlechtergetrennte Phasen als positiv, teilweise als äußerst wohltuend erlebt werden. Immer wieder wünschen sich die Schüler/innen solche Phasen, in Deutsch, Mathe, Sport, Technik, Informatik, aber auch in Englisch oder Gemeinschaftskunde. Das liegt wohl auch daran, dass die Mehrzahl der Spiel- und Freizeitkontakte bei Mädchen und Jungen in geschlechtergetrennten Gruppen stattfindet. Das heißt: Die Kinder und Jugendlichen selbst brauchen solche Phasen, auch in der Schule.

Drittens deuten Ergebnisse eines eigenen Forschungsprojektes zum geschlechtergetrennten Literaturunterricht darauf hin, dass auch Jungen von einer Trennung in einem "Mädchenfach" profitieren können. Wir haben im Rahmen eines Forschungskollegs an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg sechs Hauptschulklassen (Klassenstufe 7-9) in koedukativen und monoedukativen Stunden beobachten können, und es zeigte sich, dass das einleitende Beispiel kein Einzelfall war. Jungen und Mädchen beteiligen sich stärker am Unterricht, fühlen sich in die literarischen Figuren ein, stellen ihre eigenen Sichtweisen zur Diskussion. Besonders profitieren die schüchternen Mädchen und die Jungs, die sich sonst dem Deutschunterricht tendenziell verweigern. Gleichzeitig nehmen Unterrichtsstörungen merklich ab. Was bei der Befragung außerdem auffiel: Die allermeisten Mädchen wie Jungen erleben diese geschlechtergetrennten Phasen als lernintensiver und motivierender. Am liebsten hätten sie viel öfter solche Phasen.

Mir ist bewusst, dass die partielle Trennung nach Geschlechtern kein Königsweg ist. Es besteht einerseits die Gefahr der Verstärkung von Geschlechterrollenstereotypen. Andererseits ist Monoedukation schwer im Schulalltag zu organisieren. Entweder die Klasse wird getrennt und die Lehrerin/der Lehrer arbeitet nur mit ca. der Hälfte der Klasse, während die andere Hälfte ohne Lehrer/in arbeitet. Die andere Möglichkeit, die Zusammenführung von mehreren Klassen zu geschlechtergetrennten Gruppen, erfordert mehr Kooperation und Vorbereitungszeit für die Lehrer/innen.