Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung vergibt den Büchnerpreis 2007 an den Schriftsteller Martin Mosebach. Diese Entscheidung ist richtig, weil Mosebach unbestreitbar einer der intelligentesten, einfallsreichsten und sprachmächtigsten Dichter der Gegenwart ist. Überraschend ist sie, weil der Schritt, den die Akademie damit in die Gegenwart oder vielleicht sogar in die Zukunft getan hat, größer ist, als es den Anschein hat.

Denn Mosebach, der seit rund 20 Jahren Romane der schönen Saumseligkeit und der sarkastischen Abschweifung schreibt, wäre vor zehn Jahren noch kaum einem Literaturkritiker als möglicher Kandidat für den Büchnerpreis eingefallen. Dafür lag Mosebachs formaler und inhaltlicher Konservatismus einfach zu sehr am Rande dessen, was der Geist der Zeit erforderte. Dieser nun hat sich gedreht, und sichtbarster Ausdruck dafür war die Tatsache, dass Mosebachs Büchlein Die Häresie der Formlosigkeit zu einem wider alles Erwarten erstaunlichen Erfolg wurde. Die 2002 in einem kleinen Wiener Verlag erschienene Streitschrift für eine Wiederherstellung der traditionellen katholischen Liturgie hatte weitreichende Folgen; sie unter anderem war die Ursache für den Begriff des Feuilleton-Katholizismus, mit dem sich seither Kirchenleute gegen eine bloß historisch-ästhetische Debatte wehren.

Aber gerade dieses historisch-ästhetische Moment ist zentral für Martin Mosebach. Dass etwas hässlich sei, ist für ihn keine Geschmackssache, sondern ein Argument von Rang. Die historisch-ästhetische Wahrnehmung der Welt hat deswegen überhaupt nichts Antiquarisches, sondern sie erlaubt Mosebach einen durchdringenden Blick auf die Entstellungen und Verbiegungen, die eine entfesselte Moderne dem Menschen abverlangt. Er begegnet dieser Moderne mit der Haltung, mit dem Selbstbewusstsein des gebildeten Bürgers, der, wenn alle Stricke reißen, weiß, wo er herkommt und wo seine geistige Heimat ist. Für diese Heimat stehen Namen wie der des österreichischen Dichters Heimito von Doderer, über den Mosebach des öfteren geschrieben hat; oder der des kolumbianischen Philosophen Nicolás Gómez Dávila, von dem Mosebach eine Sammlung übersetzter Texte herausgegeben hat.

Wer den 1992 erschienenen großartigen Roman Westend liest, erkennt die geistige Verwandtschaft mit Doderer. Das Buch ist sozusagen eine Frankfurter Strudlhofstiege , und das kann nur so sein, weil Mosebach, 1951 in Frankfurt geboren, in seinem Leben zwar wahrlich viel gereist ist, (sein vorletzter Roman Das Beben spielt in Indien, wo er einige Monate verbracht hat) in der Hauptsache aber ein Frankfurter geblieben ist. Dort auch spielt sein jüngster Roman Das Mädchen und der Mond , der in Kürze bei Hanser erscheinen wird.

Dass Mosebach, der sich nicht verändert hat, nun also den wichtigsten deutschen Literaturpreis bekommt, zeigt wie sehr der literarische Betrieb und die literarische Rezeption sich verändert haben, und man muss der Akademie gratulieren, dass sie dafür einen Sinn und eine Aufmerksamkeit hatte.