Gut, nun ist die Fusion von PDS und WASG perfekt. Aber dass die beiden Parteien zusammengehen würden, wusste man doch spätestens seit Beginn dieser Legislaturperiode. Was also bedeutet dies alles?

Zum Ersten: Es gibt zwar so etwas wie eine „linke Mehrheit“ im Land. Aber dies trifft quantitativ ausgerechnet in dem Augenblick zu, in dem qualitativ niemand mehr zu sagen weiß, was eigentlich noch links ist und politisch dabei auch noch erfolgsträchtig. Das gilt einerseits innerhalb der westlichen Gesellschaften, andererseits im Verhältnis der bisher dominierenden Marktgesellschaften zu den neu in die internationale Verflechtung eintretenden riesigen Populationen von Indien, China, Lateinamerika, Afrika …

Zum Zweiten: Wenn die Linkspartei zunächst einigen Erfolg hat, liegt dies auch an der Führungsfigur Oskar Lafontaine. Aber gerade Lafontaine verhindert in seiner Person einen Zutritt der Linkspartei zur Bundesmacht, und er hat diese Hindernisse in den vergangenen Monaten noch weiter erhöht. Die SPD müsste jeden letzten Funken an Selbstachtung ausgetreten haben, wenn sie mit ihrem einstmaligen Vorsitzenden, der sich heute nur noch kaltschnäuzig verächtlich über seine frühere Partei äußert, jemals ein Regierungsbündnis eingehen wollte (einmal abgesehen davon, dass sich niemand vorstellen könnte, wie ein Regierungsprogramm einer solchen Mesalliance aussehen sollte). Entfällt aber Lafontaine – was bleibt dann noch von der Linkspartei als Faszinosum?

Zum Dritten: Natürlich ist die Linkspartei ein großes Problem für die SPD, vor allem deshalb, weil sie eine unerklärte „Linkspartei“ in ihren eigenen Reihen und in der eigenen Brust hegt. Doch es ist seit jeher das Schicksal der SPD, dass sie – wann immer sie in oder nahe bei der Regierungsverantwortung stand – von Abspaltungen nach links bedroht war. Das war so, als die USPD sich Anfang des 20. Jahrhunderts abspaltete, das war so, als die Grünen sich gründeten. Und das ist heute wieder so. Aber mit einem Unterschied: Die Grünen, so chaotisch ihr Gründungsprozess auch verlief, waren letztlich eine Partei, die auf der Zeitgeistskala nach vorne wies, vor allem mit dem Thema Ökologie. Die Linkspartei aber weist nach hinten, nach dorthin, wo die SPD einmal aus ihrer scheinbar permanenten Oppositionsrolle her- und herausgekommen war. Auch aus diesem Grunde stellen sich eventuelle Bündnisfragen ganz anders.

Zum Vierten: Zwar gab es schon rot-rote Koalitionen der SPD mit der Linkspartei/PDS, und es gibt noch eine in Berlin. Aber das waren oder sind Landeskoalitionen, und obwohl Landesregierungen wenig großen Unsinn anrichten können, gereichten sie dem jeweiligen Land und der SPD nicht unbedingt zum Vorteil. In der Bundespolitik kommt die existenzwichtige Außenpolitik dazu. Und das mit Oskar Lafontaine und seinem bunten Haufen?

Zum Fünften: Wir müssen also künftig mit einem fragmentierten Parteiensystem leben - wie am Anfang der Bundesrepublik. Nur links gab es damals nichts neben der SPD, weil die KPD wegen der DDR unpopulär und alsbald auch verboten war. Auch rechts gab es schon starke Kräfte; wenn es nicht die Einheit 1989 gegeben hätte, hätte sich das westdeutsche Parteiensystem auch nach rechts, zu den Republikanern hin, fragmentiert.