An den neuen Sound wird man sich gewöhnen müssen, auch wenn einem die Grundmelodie altbekannt vorkommt. "Freiheit statt Sozialismus", tönte Guido Westerwelle an diesem Samstag auf dem FDP-Parteitag in Stuttgart. "Freiheit durch Sozialismus", donnerte Oskar Lafontaine vom Gründungsparteitag der Linken aus Berlin zurück.

Eine "modrige Leiche" sei dort wiederbelebt worden, schimpfte der FDP-Vorsitzende. Doch diese Leiche machte in Berlin einen ziemlich lebendigen Eindruck. Ihr frisch gewählter Vorsitzender Oskar Lafontaine warf sogleich provozierend die "Systemfrage" auf. Er forderte nicht nur höhere Renten und eine Reichensteuer, sondern zugleich das Recht auf einen politischen Generalstreik sowie die Verstaatlichung der Stromnetze.

Weil es so schön ist, wenn der neue alte Sound erklingt, warnte der hessische Ministerpräsident Roland Koch die SPD vor einer Annährung an die neue Partei. Der bayerische CSU-Innenminister Günther Beckstein rief sogleich nach dem Verfassungsschutz. Die Sozialdemokraten traten hingegen zweistimmig auf: SPD-Generalsekretär Hubertus Heil warf der neuen politischen Konkurrenz vor, soziale Ängste zu schüren, ohne Lösungen anzubieten und sprach von Realitätsverweigerung. Dagegen kann sich der SPD-Bundestagsabgeordnete Ottmar Schreiner eine Koalition zwischen Rot und Rot im Bund durchaus vorstellen.

Dieser Sound wird in den nächsten Jahren noch häufig zu hören sein. Denn seit Samstag 16 Uhr 36 Uhr gibt es eine neue Partei in Deutschland: Die Linke. Die beiden Vorsitzenden heißen Lothar Bisky und Oskar Lafontaine. Es spricht viel dafür, dass diese Partei keine politische Leiche ist, sondern zunächst eine relativ gute Zukunftsprognose hat.

Das bundesdeutsche Parteiensystem verändert sich. Mit der Linken hat sich links von der SPD eine neue Partei etabliert, zumindest mittelfristig (dazu später mehr). Sie wird nach Bremen auch in andere westdeutsche Landesparlamente einziehen und sich im Osten nach Berlin auch an weiteren rot-roten Länderkoalitionen beteiligen. Der Zeitpunkt war günstig, dieses Projekt zu starten, und es sind vor allem vier Gründe, auf denen dessen Erfolg basiert.