Gregor* ist schwul. Glaubt er zumindest, genau weiß er es noch nicht. Das Gefühl kam vor wenigen Wochen und treibt seitdem sein Unwesen in ihm. Der 14-jährige wohnt in einem kleinen Ort in der Nähe von Köln und steckt wohl mitten in seinem Coming-out, dem Prozess, in dem er lernt, mit seiner Homosexualität umzugehen.

So viele Fragen und niemand, der sie beantworten könnte. Denn Jugendliche, die ihre Homosexualität entdecken, stehen mit ihren Problemen erst einmal alleine da. Mit Freunden trauen sie nicht, offen über ihre Gefühle zu reden, mit den Eltern erst recht nicht. Zu groß ist die Angst davor, dass Freundschaften gekündigt werden oder Eltern durchdrehen und den Sohnemann auf die Straße setzen. Dabei ist gerade während des Coming-outs das Redebedürfnis riesig: "Man läuft monatelang, teilweise sogar Jahre, mit einem Geheimnis herum und mit jedem Tag wächst der Wunsch, es rauszulassen", sagt Sven Norenkemper.

Norenkemper ist Diplom-Sozialpädagoge beim lesbischwulen Jugendzentrum anyway in Köln . Er arbeitet seit 1994 mit homosexuellen Jugendlichen zusammen und weiß, dass ein Coming-out seltsame Wege geht.

Der Kampf gegen sich selbst

Mit Einsetzen der Sexualität merken die Jugendlichen, dass sie anders sind. Das anzuerkennen ist nicht leicht. Auch heute noch nicht, in Zeiten der sogenannten Homo-Ehe. Alles, was jenseits der heterosexuellen Norm liegt, wird erst einmal skeptisch beäugt. Die Palette an Vorurteilen ist schier unendlich: Schwule wechseln ständig ihren Partner, Schwule haben affektierte Stimmen, nichts als Sex im Kopf und pädophile Vorlieben.

Mit diesen Vorurteilen hatte auch Gregor zu kämpfen, denn so ist er nicht und will er nicht sein. Wenn das Schwulsein bedeutet, dann wollte er sich selbst beweisen, dass er nicht schwul ist. Er ließ sich auf Mädchen ein. Zwei unglückliche Pausenhofbeziehungen, die eines immer deutlicher werden ließen: Gregor ist tatsächlich schwul.

In dieser Phase mögen sich viele Jugendliche selbst nicht mehr. "Sie denken, falsch zu sein und daraus entwickelt sich ein Teufelskreis", erklärt Norenkemper. Sie isolieren sich, entwickeln beispielsweise Essstörungen und Depressionen und fühlen sich dann erst recht nicht mehr "richtig". Viele sind diesem Druck nicht gewachsen. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Selbstmordrate bei homosexuellen Jugendlichen vier Mal höher liegt als bei gleichaltrigen Heterosexuellen.