Die Einsicht fehlte ihm bis zum Ende. Er habe sich «nichts vorzuwerfen», sagte Kurt Waldheim wenige Monate vor seinem Tod in einem Interview mit dem ORF. Dass der Streit um seine verschwiegene nationalsozialistische Vergangenheit vor seiner Wahl zum österreichischen Bundespräsidenten 1986 die Nation entzweit und das Land zeitweise in die internationale Isolation geführt hatte, wollte er öffentlich nicht wahrhaben.

Mit der Person Kurt Waldheims, der immerhin zwölf Jahre lang als UN-Generalsekretär (1982-1981) im Rampenlicht der Öffentlichkeit stand, ist einer der größten politischen Erfolge, aber auch eine der schwersten Krisen in der Geschichte Nachkriegs-Österreichs verbunden. Und doch trug der Fall Waldheim wie kein anderer dazu bei, dass sich das Land nach Jahrzehnten des Zögerns intensiv mit der eigenen NS-Vergangenheit auseinandersetzte.

Führende Politiker wie der sozialdemokratische Ex-Kanzler Franz Vranitzky bekannten sich damals öffentlich und uneingeschränkt zur Mittäterschaft zahlreicher Landsleute bei Gräueltaten der Hitlerschergen. Sie zerstörten damit nachhaltig das Bild von Österreich als «erstem Hitler-Opfer», das die Alliierten noch während des Zweiten Weltkriegs geprägt hatten.

Der 1918 in Niederösterreich als Sohn eines Lehrers geborene Waldheim war kurz vor seiner Wahl zum Bundespräsidenten (1986 bis 1992) ins Zwielicht geraten, weil er in seiner Biografie seine aktive Zeit als Verbindungsoffizier der Deutschen Wehrmacht in Jugoslawien und Griechenland - wie er selbst sagte - unterschlagen hatte. Äußerungen des Politikers wie «Ich kann mich nicht erinnern» oder «Ich habe nur meine Pflicht getan» heizten den Konflikt im Inland wie im Ausland nur weiter an. Berühmt ist das Zitat des damaligen SPÖ-Kanzlers Fred Sinowatz, der in Anspielung auf Waldheims Zugehörigkeit zu einer berittenen Einheit meinte: «Ich stelle fest, dass Kurt Waldheim nie bei der SA war, sondern nur sein Pferd.»

Doch die internationale Empörung und die Demonstrationen von Oppositionellen und Antifaschisten in Österreich lösten in der Alpenrepublik eine Art «Wagenburgmentalität» aus. Waldheim wurde von der Bevölkerung mit großer Mehrheit zum Staatsoberhaupt gewählt. Die USA reagierten prompt. Sie setzten den Präsidenten auf eine Rote Liste. Und dies, obwohl eine von der Regierung auf Vorschlag von Nazi-Jäger Simon Wiesenthal eingesetzte internationale Historikerkommission keine Verwicklung Waldheims in Kriegsverbrechen nachweisen konnte. Zahlreiche andere Länder erklärten Waldheim zur unerwünschten Person. Er konnte in den sechs Jahren seiner Amtszeit deshalb nur in den Vatikan und zu antiisraelischen Diktatoren reisen. Zudem blieb der Druck der Opposition im eigenen Land bestehen. Am Ende gab Waldheim, der für die konservative ÖVP angetreten war, auf und verzichtete auf eine zweite Kandidatur.

Auch Jahre nach seiner Pensionierung wollte Waldheim keine Schuld zugeben. «Ich habe nur meine Pflicht getan», wiederholte er stets, wenn es um seine NS-Zeit ging. Seinen politischen Gegnern von einst habe er «verziehen».