Bisher war Deutschland, fragte man die für die Sicherheit des Landes Zuständigen, nur Teil eines "abstrakten Gefährdungsraumes" durch den Terrorismus. Das Behördendeutsch sollte beruhigend klingen und zugleich klar machen, dass Terror-Anschläge auch auf Deutsche nicht unmöglich seien. Viel haben wir nicht zu befürchten, bedeutete es, doch wir sollten uns auch nicht in Sicherheit wiegen.

Seit Freitag klingt es anders. Mehrere Medien berichten geradezu schockiert über ein Hintergrundgespräch mit dem Parlamentarischen Staatssekretär im Innenministerium, August Hanning, am Donnerstagabend. Darin gebrauchte der Chef der deutschen Sicherheitsbehörden erstmals deutlichere Worte. "Wir sind alarmiert", sagte Hanning den Berichten zufolge. "Wir sind voll ins Zielspektrum des islamistischen Terrors gerückt." Die Gefahr von Anschlägen sei seit dem Jahr 2001 nicht mehr so groß gewesen.

Hanning, sieben Jahre lang Chef des Bundesnachrichtendienstes, neigt nicht zu Alarmismus. Auch die Maxime der Bundesregierung, geht es um Belange der inneren und äußeren Sicherheit, ist eindeutig: keine Panikmache! Umso ernster werden Hannings Äußerungen nun genommen. Irgendetwas muss sich verändert haben.

Er fühle sich an die Zeit vor dem 11. September 2001 erinnert, wird Hanning von Zeitungen und Agenturen zitiert. Wie damals gebe es nun wieder sehr viel Kommunikation zwischen einzelnen extremistischen Gruppen. Das könnte bedeuten, dass neue Anschläge geplant seien. "Es geht um Prozesse, die in diesem Jahr augenfällig geworden sind", sagte Christian Sachs, Sprecher des Innenministeriums. Kein einzelnes Ereignis habe die Behörden alarmiert, sondern die Summe vieler kleiner Mosaiksteine. Konkrete Hinweise auf "zeitnahe Anschläge" in Deutschland gebe es nicht. "Deutsche Bürger und Interessen" in Afghanistan aber seien akut bedroht. Insgesamt ergebe sich das Bild einer Entwicklung, "die uns mit Sorge erfüllt".

Von welchen Mosaiksteinen spricht Sachs? Einer besteht aus dem sogenannten Hintergrundrauschen. Das ist die Summe jener Informationen, die innerhalb oder zwischen extremistischen Gruppen hin und her geschickt und von den Sicherheitsdiensten abgefangen werden. Je mehr Nachrichten unter den potenziellen Tätern kursieren, so die These, desto mehr oder komplexere Aktionen planen diese. Derzeit gibt es besonders viel Kommunikation. Sachs nennt das "verdichtende Hinweise, dass Planungen laufen".

Ein weiterer Baustein ist ein Video aus dem afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet, das von dem US-Sender ABC am 20. Juni ausgestrahlt worden war. Es zeigt den Taliban-Kommandeur Mansoor Dadullah, wie er auf einer Art Abschiedsfeier vor ungefähr 300 angeblichen Selbstmordattentätern spricht. Sie sollen in die USA, nach Kanada, Großbritannien und nach Deutschland aufbrechen. Die Botschaft: Diese Länder kämen nach Afghanistan, warum also sollten die Taliban nicht den Kampf zurücktragen? "Wir werden Selbstmordanschläge verüben und mit Gottes Willen ihre Regierungen in ihren eigenen Ländern zerstören", heißt es auf dem Band.