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Nur langsam dringen die Details des Geschehens vom vergangenen Donnerstag an die Öffentlichkeit. Offenbar gab es an mehreren Stellen im automatischen Sicherungssystem des Meilers Unregelmäßigkeiten, nachdem ein Kurzschluss einen der beiden Transformatoren in Brand gesetzt hatte. Das für die Aufsicht des Kernkraftwerks zuständige Sozialministerium in Kiel pocht unterdessen darauf, die Sicherheit der Anlage sei trotz der Auffälligkeiten zu jeder Zeit gewährleistet gewesen.

Nach Angaben der Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) in Köln waren drei Pannen aufgetreten: Zunächst habe ein Hochspannungsschalter zwischen Kraftwerk und brennendem Trafo nicht ordnungsgemäß unterbrochen, sodass weiterhin Kraftwerksstrom mit 380.000 Volt in die funktionsuntüchtige Umspannanlage floss. Später sei eine Pumpe nicht angesprungen, die die Kernbrennstäbe vor dem Überhitzen schützt. Außerdem hätten Sicherheitsventile, die einen Überdruck im Reaktor verhindern sollen, möglicherweise erst zu spät geschlossen.

"Warum der Hochspannungsschalter am brennenden Trafo die Leistung nicht unterbrochen hat, wissen wir noch nicht", sagt Horst May, Fachsprecher der GRS. Die Untersuchungen liefen noch. Offenbar habe das Versagen des Schalters aber dazugeführt, dass auch der zweite Transformator ausfiel, obwohl er vom Feuer nicht beeinträchtigt war. Erst dies habe zur Notabschaltung des Reaktors geführt. Im Normalfall hätte das Kraftwerk seine Leistung bei Verlust nur eines Trafos lediglich auf 30 Prozent heruntergefahren, anstatt alles abzuschalten.

Als jedoch das zweite Umspannwerk ausfiel, unterbrachen die Leistungsschalter beider Trafos und die vorgesehene Sicherheitsprozedur startete: Das Kraftwerk fuhr herunter, und damit auch die Turbine sowie der Reaktor selbst. Gleichzeitig schaltete die Stromversorgung des gesamten Kraftwerks in wenigen Sekunden um: Es bezieht seitdem die Energie für sämtliche Anlagen nicht mehr aus seinem eigenen Reaktor, sondern aus dem allgemeinen Stromnetz. "Diese Umschaltung hat ordnungsgemäß funktioniert. Doch auch dann dauert sie zwei bis drei Sekunden", sagt GRS-Sprecher Horst May.

Als Folge dieser Umschaltung fiel die Pumpe am Reaktor aus. Im Normalbetrieb ist die "Reaktorspeisewasserpumpe" dafür zuständig, den Wasserpiegel im Druckbehälter des Reaktors konstant zu halten. In diesem Wasser befindet sich der Uran-Brennstoff. Der erhitzt das Wasser, das an seiner Oberfläche verdampft und im oberen Teil des Kessels als heißes Wassergas aus dem Reaktorgebäude hinaus in die Maschinenhalle geführt wird, wo es die Turbine zur Stromerzeugung antreibt. Für gewöhnlich liegt der Uran-Spaltstoff mehrere Meter unter der Wasseroberfläche, um das Material zu kühlen und eine Kernschmelze zu verhindern. Die Speisewasserpumpe führt dem Behälter immer so viel Wasser zu, wie durch das Abdampfen an der Oberfläche verloren geht. So bleibt der Wasserstand konstant.

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Während des Störfalls sei der Spiegel jedoch um ein bis zwei Meter gefallen, sagt Horst May von der GRS. Denn die Reaktorspeisewasserpumpe habe während des Umschaltens des ganzen Kraftwerkes auf das öffentliche Stromnetz für wenige Sekunden keinen Strom gehabt. Nach diesem, im Sicherheitsplan vorgesehenen Ausfall sei die Pumpe aber nicht wieder richtig angesprungen. Nach einem kurzen Neustart sei sie "möglicherweise durch einen Fehler in der Leittechnik" vielmehr dauerhaft ausgefallen. Das Sozialministerium in Kiel bestätigte in einer Pressemitteilung von gestern den Ausfall der Wasserpumpe, nennt aber dafür keine Gründe. Auch beim Kraftwerkbetreiber Vattenfall gibt es keine genaueren Informationen.

"Möglicherweise waren Spannungsspitzen im Netz die Ursache", vermutet Günter Lohnert, Professor am Institut für Kernenergetik und Energiesysteme an der Universität Stuttgart. Schließlich sei erst wenige Sekunden vorher mit dem gesamten Kraftwerk eine Spitzenleistung von 1400 Megawatt vom Netz gegangen. Dies könne kurz nach der Abschaltung zu enormen Überspannungen im Stromnetz führen. "Eine solche Spannungswelle müsste man bis runter nach Sizilien messen können", sagt der Wissenschaftler. Als die Pumpe ausfiel, bezog das Kraftwerk seinen Strom bereits aus dem öffentlichen Netz. Dass das Gerät wegen eines Spannungsstoßes den Dienst versage, "sollte nicht passieren, kommt aber vor", sagt Lohnert.

Nach dem Schaden an der Pumpe sprang jedoch keines der Ersatzgeräte an, wie die GRS berichtet. Stattdessen schlossen automatisch die Rohrleitungen, in denen der Dampf in die Turbine strömt, um einen weiteren Wasserstands- und Druckabfall im Reaktor zu verhindern. Unklar bleibt, warum währenddessen oder kurz zuvor zwei Sicherheits- und Entlastungsventile aufgingen, um einen möglichen Überdruck zu verhindern. "Darüber haben wir keine genaueren Informationen", sagt Horst May.

Die Ventile seien für etwa vier Minuten offen gewesen, währenddessen sei der Druck im Reaktor von anfangs 70 auf dann 20 bar Atmosphärendruck gefallen. "Vermutlich waren die Ventile zu lange geöffnet. Aber das ist noch Spekulation", sagt May. Der starke Druckabfall habe schließlich ein zweites Sicherheitssystem ausgelöst, das mit Hochdruck Wasser in den Reaktor eingespeist habe. Letztlich, so der GRS-Sprecher, sei zwar nicht alles ganz reibungslos gelaufen, aber "insgesamt haben die Sicherungseinrichtungen ordnungsgemäß funktioniert."