Carlton House Terrace im Londoner Stadtteil St. James’s ist imposant. Es besteht aus schönen weiß gestrichenen und stuckverzierten Reihenhäusern, die seit ihrer Fertigstellung im Jahr 1832 höchst unterschiedliche und prominente Bewohner beherbergten. Große britische Premierminister des 19. Jahrhunderts wie Lord Palmerston und William Gladstone, aber auch Hitlers vor keiner Peinlichkeit zurückschreckender Emissär Joachim von Ribbentrop, der hier zwischen 1936 und 1938 als deutscher Botschafter residierte, später Außenminister Nazi-Deutschlands wurde und 1946 als Kriegsverbrecher gehängt wurde.

Vergangenen Mittwoch kam Carlton House Terrace mal wieder in die Schlagzeilen, denn am Nachmittag stürzte der ägyptische Milliardär Ashraf Marwan vom Balkon seines im 4. Stock gelegenen Apartments. Nach Presseberichten war zu dem Zeitpunkt nur seine Haushälterin zugegen, die von dem Fall aber nichts mitbekam. Vom plötzlichen Tod des 62-jährigen Hausherrn habe sie erst erfahren, als es an ihrer Tür geklopft und man ihr gesagt habe, Marwan sei tot auf dem Bürgersteig aufgefunden worden. Scotland Yard untersucht seitdem den Fall. Ende der Woche wurde eine gerichtliche Anhörung eröffnet und auf Mitte August vertagt, Marwans Leiche derweil übers Wochenende in Ägypten bestattet. Den Londoner Kriminalbeamten gelten die Todesumstände zurzeit als „offen“ („unexplained“), aber anscheinend nicht unbedingt als verdächtig.

Anders im Nahen Osten. Dort gilt der Londoner Balkonsturz als höchst verdächtig. Denn das Opfer – mit vollem Namen Mohamed Ashraf Abu al Wafa Mohamed Ahmed Marwan –, 1944 in Oberägypten als Sohn eines Armeeoffiziers geboren, war nicht irgendein Geschäftsmann, sondern mächtiges Mitglied der kleinen, eng miteinander verwobenen und cliquenhaft organisierten Führungsschicht Ägyptens. Und er war der Schwiegersohn des Staatspräsidenten Oberst Gamal Abdel Nassers, der Ägypten bis zu seinem Tod 1970 regierte. Marwan war erst als Berater für Nasser tätig und arbeitete danach ebenso eng mit dessen Nachfolger Anwar Sadat zusammen, offenbar als dessen Verbindungsmann zu den Geheimdiensten.

Doch damit nicht genug. Nach Überzeugung israelischer Historiker und Journalisten hat Marwan im Oktober 1973 die israelische Regierung vor dem Überraschungsangriff durch Ägypten und Syrien am jüdischen Feiertag Jom Kippur gewarnt. Jedoch half die Stunden vorher eingegangene Warnung nicht, denn die israelische Regierung soll die Quelle zuerst nicht ernst genommen haben. Wenig später durchbrachen bereits ägyptische Truppen die israelischen Verteidigungslinien auf dem 1967 eingenommenen Sinai, und syrische Verbände schritten an den Golan-Höhen vor. Am Ende jedoch konnte sich Israel behaupten, der Krieg endete am 28. Oktober 1973 mit einem von den Vereinten Nationen ausgehandelten Waffenstillstand.

Seit 1969 belieferte Marwan dann den israelischen Auslandsspionagedienst Mossad und den Militärgeheimdienst stets zuverlässig mit Geheimdokumenten, Gesprächsprotokollen und anderen Interna über Vorgänge in Kairo und anderen Hauptstädten der arabischen Welt. Von der Existenz der Quelle erfuhr man erstmals vor 14 Jahren, als der frühere Militärgeheimdienstchef Eli Zeira, der nach dem Jom-Kippur-Krieg wegen Versagens entlassen wurde, ein Rechtfertigungsbuch mit dem Titel Mythos versus Realität: Der Jom-Kippur-Krieg – Fehlschläge und Lehren publizierte. Darin berichtete er von einem namentlich nicht genannten ägyptischen „Doppelagenten“, der Israel getäuscht habe. Diesen identifizierte der am Londoner King’s College lehrende Historiker Ahron Bregman Anfang 2003 schließlich als Ashraf Marwan.

Nach Bregmans Überzeugung war dessen Rolle weit zwiespältiger als die eines Top-Mossad-Spions. Denn er überzeugte die israelische Regierung von „dem Konzept“, wonach Sadat Israel erst wieder angreifen werde, wenn Ägypten über eine ausreichende Zahl von Langstreckenbomber und Scud-Raketen verfügte. Deshalb wogen sich israelische Regierung und Geheimdienste im Herbst 1973 auch dann noch in Sicherheit, als sich die Berichte über ägyptische und syrische Truppenkonzentrationen häuften.

Nach dem Krieg betätigte sich Marwan immer stärker als internationaler Finanzier und hielt sich überwiegend in London auf. Dabei zählte der Kreis seiner Geschäftspartner - beispielsweise Waffenhändler Adnan Khashoggi oder der heutige Besitzer des Harrods-Kaufhaus, Mohamed Al Fayed - nicht gerade zu den am besten beleumundeten. Marwan verfügte über Immobilien rund um die Welt, investierte unter anderem in Energiekonzerne und die britische Bekleidungskette Austen Reed, hielt zeitweise drei Prozent der Aktien am Fußballclubs Chelsea FC, besaß ein Fünf-Sterne-Hotel auf Mallorca und versuchte, in Ägypten das Recycling einzuführen.

„Die ägyptische Öffentlichkeit und die Boulevardpresse, die ihn ‚das Wunderkind‘ nannte, pflegte eine Liebe-Hass-Beziehung zu Marwan“, sagt der in Kairo beheimatete, britische Journalist und Autor Hugh Miles, der ein scharfer Beobachtern der arabischen Medien und Politik ist. „Er wurde nicht als finsterer Spion gesehen, sondern eher als schillernde Figur, als Opportunist und Waffenhändler.“ Trotz der Spionagegerüchte sei Marwan bis zuletzt von der ägyptischen Führungsclique hoch angesehen gewesen. Noch im Mai habe er an der Hochzeitsfeier von Präsident Hosni Mubaraks Lieblingssohn Gamal teilgenommen – sein erster Ägyptenaufenthalt in drei Jahren.

„Er war ein ‚Mr. Fixer‘, einer dieser sehr einflussreichen Nahost-Figuren, in deren kleinen, schwarzen Adressbuch die Telefonnummern aller Mächtigen stehen“, sagt Miles weiter, „ihm wird unter anderem eine Schlüsselrolle beim Zustandekommen des ägyptisch-israelischen Versöhnungstreffen von Camp David zugeschrieben. Auf vielen Pressefotos von internationalen Ereignissen sieht man ihn im Hintergrund stehen.“ Seinen plötzlichen Tod hält man in Ägypten für suspekt, sagt Miles: „Er galt als Mann mit vielen Feinden.“

In Israel zieht man indes eine direkte Linie zwischen Enttarnung und Todesfall. „Ich habe keinen Zweifel, dass die Berichte über ihn zu seinem Tod geführt haben“, zitiert die Zeitung Ha’aretz den früheren Mossad-Chef Zvi Zamir, der vor zwei Wochen einen Verleumdungsprozess gegen seinen früheren Kollegen Zeira gewonnen hat, den ein Richterspruch nun offiziell für die Identifizierung Marwans verantwortlich macht. Zamir verlangt seit Jahren, dass Zeira wegen Geheimnisverrat strafrechtlich belangt wird. „Es bestehen ernstliche Sorgen, ob wir in der Zukunft noch hochklassige Quellen rekrutieren können“, sagt der Ex-Mossad-Chef, der Marwan angeblich am Morgen des Jom Kippur, am 6. Oktober 1973, in London traf.

Freunde berichten, dass Marwan, der an Memoiren über seine Rolle während des Kriegs schrieb, in den vergangen zwei Wochen über die Vorgänge in Israel beunruhigt war. Gegenüber dem Historiker Bregman, mit dem er am Tag vor seinem Tod telefonierte, sprach er von „Kopfschmerzen“, die ihm das Ganze bereiteten. Während nahe Freunde nach einem Bericht der Times Selbstmord ausschließen, war bekannt, dass Marwan nach drei Herzoperationen in schlechter gesundheitlicher Verfassung war und in Folge von Nebenwirkungen seiner Medikamente schon mal Schwächeanfälle erlitt – möglicher Weise einen letzten beim Blick auf St. James’s Park und das Regierungs- und Parlamentsviertel Whitehall, wo Big Ben im von Carlton House Terrace sichtbaren Uhrenturm des Unterhauses die Stunden schlägt.

Denkt man auch an die grausame Vergiftung des früheren russischen Geheimdienstlers Alexander Litvinenko vergangenes Jahr, dann scheint London für Spione, tatsächlich und angeblich, kein glückliches Pflaster zu sein.