Im Grunde klingen solche Fragen doch eher wie die durchgeknallten Spinnereien eines bekifften Jurastudenten: Wenn ich in der virtuellen Welt Second Life (SL) einem Mitspieler das Designer-T-Shirt klaue, bin ich dann ein Dieb? Wenn ich virtuelle Autos verkaufe, muss ich sie bei Mängeln oder Nicht-Gefallen wieder zurücknehmen? Verletzt, wer in einem SL-Shop ohne Lizenz vom Hersteller Puma-Sneakers verkauft, das Markenrecht?

Vier Jahre nach dem Start von SL werden diese Themen unter Fachleuten ernsthaft diskutiert. SL ist kein unrechtsfreier Raum mehr. Das weiß man spätestens, seit dort Kinderpornohändler aufflogen. Den letzten Skandal erlebte die Parallelwelt, als herauskam, dass User dort virtuellen Sex mit kindlichen Avataren suchen.

Doch nicht nur diese Geschehnisse ließ die Juristengemeinde aufhorchen. Die Ansiedlung realer Unternehmen wie Toyota, die Post, Bogner, Kraft oder BMW mit virtuellen Filialen oder Repräsentanzen in SL zwingt nun auch Juristen in das Land der Avatare. Was sie finden, beschreibt Henning Krieg von der Anwaltskanzlei Bird & Bird als einzige große Konfusion: "Welches Recht gilt im Second Life eigentlich? Passen die nationalen Rechte und die virtuelle Welt zusammen? Gibt es einen strafrechtlichen Regelungsbedarf?".

Diebstahl in SL beispielsweise ist nach deutschem Recht unmöglich. Denn dazu müsste man jemandem eine ganz konkrete "Sache" wegnehmen. Eine Sache aber ist das virtuelle T-Shirt definitiv nicht, auch wenn man einen Haufen Linden-Dollar, die gültige SL-Währung, dafür ausgegeben hat (270 Linden-Dollar bekommt man für etwa einen US-Dollar).

Bird & Bird haben Ende Mai und Ende Juni unter der Überschrift "Metaversen, Second Life and Law" auffällig gut besuchte Veranstaltungen durchgeführt. Vertreter von T-Systems, Tengelmann, Metro, Bitburger, Mazda, Samsung und verschiedene Unternehmensberater fühlten sich angesprochen. Obwohl bis heute nicht bekannt ist, wie relevant SL tatsächlich ist, wie viel Bluff ist und wie viel Blase, wie viele der angeblich sieben Millionen Bewohner sich nur ein einziges Mal einloggten, wie viele Avatare also Karteileichen sind und was die durchschnittlich 25.000 Anwesenden eigentlich treiben, verbreitet sich in der Wirtschaft die Sorge, man könnte etwas Entscheidendes verpassen.