Nun also Brasilien. Dessen Präsident Lula da Silva hat angekündigt, einen dritten Kernreaktor sowie ein nukleargetriebenes U-Boot zu bauen. Diese Nachricht ging am Mittwoch um die Welt; unerwähnt blieb freilich, dass es diesen dritten Reaktor längst gibt, wenngleich nur in eingemottetem Zustand. Es handelt sich um einen Block am Standort Angra dos Reis, dessen wesentliche Komponenten in den achtziger Jahren von der damaligen deutschen Firma Kraftwerks-Union (KWU) geliefert und fast fertig montiert worden waren. Finanzielle Schwierigkeiten Brasiliens führten dazu, dass die Anlage nie zu Ende gebaut wurde, es fehlte auch an den brasilianischen Einzelteilen. Die vorhandenen Komponenten stehen seit Jahren unter Stickstoff und warten darauf, zusammengefügt zu werden.

Nun also soll Beton gegossen und der Meiler errichtet werden - warum? Das überwiegend von Wasserkraft abhängige Brasilien befindet sich auf einem Wachstumskurs, der es aus Kosten- und Umweltschutzgründen nahelegt, der Energiezukunft auch eine nukleare Komponente beizumischen. Nicht nur wegen des kommenden Energiehungers, sondern auch, um mit Meerwasserentsalzung der Wasserknappheit zu entgehen.

Da geht es Brasilien wie vielen anderen neu industrialisierten Aufsteigern, die gemeinsam zur gegenwärtigen Renaissance dieser Stromgewinnungstechnik beitragen.

Allerdings gibt es zwei Besonderheiten, eine erfreuliche und eine unerfreuliche. Die gute Nachricht zuerst: Die Anlagen, die auf „Angra 3“ folgen sollen, werden Kernkraftwerke neuen Typs sein. Brasilien ist an internationalen Programmen für die Entwicklung kleiner Atomanlagen beteiligt, die nicht durchschmelzen können und deren Inventar sich auch nicht für Atombomben eignet. Es kommt hinzu, dass Brasilien zu den Ländern mit den größten Thorium-Vorräten der Welt zählt, und Thorium ist ein Nuklearbrennstoff, der weiter reicht als Uran (und militärisch weniger brisant ist). Gut möglich, wenngleich nicht gesichert, dass Brasilien über kurz oder lang zum Pionier der Thoriumtechnik aufsteigen will.

Die schlechte Nachricht indes: Das brasilianische Atomprogramm ist ursprünglich militärischer Herkunft, und schon dieser Umstand gibt Anlass zur Vorsicht.

Brasiliens Zentrifugen zur Anreicherung von Uran sind in den späten Siebziger Jahren errichtet worden. Damals herrschte ein Militärregime, das Geheimprojekte nicht nur zum Bau von nukleargetriebenen Unterseebooten, sondern auch von Atomwaffen betrieb. Es schlug den Weg der Uran-, nicht der Plutoniumwaffe ein, und wie es sich die dazugehörige Anreicherungstechnologie beschafft hatte, ist bis heute nicht klar. Es gibt Hinweise darauf, dass es die gleiche Quelle war, die Saddam Hussein beliefert hatte.

In den Folgejahren verbesserten brasilianische Ingenieure die Technik, und heute firmiert sie als „Eigenbau“ - just das ist die Begründung, mit der Brasilien sich immer wieder gegen intensive Begutachtung durch IAEA-Inspektoren wehrt. Soviel steht fest: Urananreicherung ist ein Geschäft, mit dem Brasilien wachsende Erlöse erzielen will, vielleicht auch mit der Produktion von Brennelementen; Anlagen für deren Produktion sind bereits in Betrieb. Vom Bergbau bis zum Reaktor, alles aus Brasilien, das ist der Plan.