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Es war der Versuch, eine meuternde Fraktion einzufangen und ihr ins Gewissen zu reden. Abseits der Tagesordnung trafen sich die SPD-Abgeordneten am Mittwochnachmittag, um bis in den Abend hinein über das Für und Wider des Afghanistan-Einsatzes zu debattieren. Der Saal war voll, fast alle waren gekommen. Denn diskutiert werden sollte eine Frage, die die Partei wie das Land seit Monaten bewegt, von der Basis bis in die Spitze: Soll die Bundeswehr in Afghanistan bleiben oder abziehen?

Immer lauter waren in den vergangenen Tagen die Stimmen derer in der SPD geworden, die forderten, das Mandat der Bundeswehr für die Operation Enduring Freedom (OEF) nicht zu verlängern. Es läuft im November aus und nicht wenige Abgeordnete sind der Meinung, Deutschland solle sich nicht mehr an den mehrheitlich amerikanischen Kampfeinsätzen beteiligen. Mit dieser Überzeugung stehen sie nicht allein. Mehr als die Hälfte der Deutschen sind angesichts der steigenden Zahl der Opfer unter den Zivilisten wie in der Bundeswehr dieser Ansicht. Für eine Partei, die sich selbst als Verfechterin des Friedens versteht, ist es da erst recht schwer auszuhalten, dass für den Einsatz am Hindukusch kein Ende und wenige Erfolge zu erkennen sind. Zumal der politische Gegner Linkspartei genau mit dieser Schwierigkeit lautstark Politik macht und die SPD unter Druck setzt.

Das Problem: Ganz so einfach kommen die Bundeswehr und auch die SPD da nicht raus, so schlecht das Image der OEF-Operationen auch sein mag, bei denen immer wieder viele Zivilsten sterben. Denn einerseits könnte es die Regierungskoalition gefährden, wenn die SPD in einer so wichtigen außen- und sicherheitspolitischen Frage ausschert. Andererseits würden die Verbündeten, insbesondere die USA, für einer Rückzieher mit Sicherheit eine Gegenleistung verlangen. Und das hieße vermutlich, dass Deutschland im Rahmen der zweiten Mission, der Internationalen Schutztruppe Isaf zum Aufbau des Landes, verstärkt aktiv werden müsste. Dann würden die Soldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) wahrscheinlich nicht nur wie bisher die Aufbauteams im Norden beschützen. Sie müssten auch afghanische Einheiten ausbilden und mit ihren Schützlingen anschließend auch in den Kampf im Süden ziehen. So zumindest war es bisher die Regel. Mit dem Ergebnis, dass das KSK mehr schösse und ein größeres Risiko einginge als bisher.

Damit den unwilligen Abgeordneten diese Bedrohung bewusst wurde, legte ihnen Außenminister Frank Walter Steinmeier eindringlich die vertrackte Lage dar. Er habe, berichteten Anwesende hinterher, darauf hingewiesen, dass ein Rückzug nicht unerhebliche Folgen haben könne. Es würde einen "politischen Preis kosten, der gefährlich sein könnte", wurde er zitiert. Die Fraktionsspitze, vor allem in Person von Ex-Verteidigungsminister Peter Struck, ist für eine Verlängerung beider Afghanistan-Mandate, OEF und Isaf. Er würde, deutete Struck an, sogar mehr Soldaten nach Afghanistan schicken, wenn man ihn denn fragte. Die Entscheidung darüber liege jedoch bei der Nato und dem Führungsstab der Bundeswehr.

Soweit gehen in der Fraktion nur Wenige. Doch sollte den übrigen offensichtlich nicht nur die drohenden Konsequenzen eines Ausstiegs aus OEF klar gemacht werden, noch wollte man ihnen bloß die Anforderungen der Bündnispartner vorhalten. Es ging darum, sie in guter demokratischer Manier zu überzeugen. Um alles richtig zu machen – denn die Diskussion ist nicht neu – hatte man daher extra eine Expertenkommission gebildet, militärisch passend "Task Force" genannt. Ein dreiviertel Jahr lang hatte diese unter Leitung des Abgeordneten Detlef Dzembritzki gearbeitet, war durch die halbe Welt gereist, hatte Informationen gesammelt und dokumentiert. Eine Stunde und zwanzig Minuten dauerte der Vortrag Dzembritzkis über das Gesehene, über Erfolge und Versäumnisse des Aufbaus in Afghanistan.

Das Fazit dieser Mühen wurde nicht nur ernst genommen, sondern hat, so schien es, auch beeindruckt. Aufmerksam lauschten die Abgeordneten den Vorträgen. Es sei unglaublich ruhig gewesen im Saal, sagte Generalsekretär Hubertus Heil. Die Adjektive, die er für die Debatte verwendete, waren eher ungewöhnlich: "sehr ernsthaft, sehr konzentriert, sehr sachlich".

Zur Verstärkung sprach neben Steinmeier auch Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul. Beide schilderten nicht nur Erfolge, sondern auch Versäumtes. Zum Beispiel, dass Deutschland einige Versprechen nicht gehalten hat, dass es zu wenig Polizisten ausbildet, kaum etwas gegen den Drogenanbau tut. Offen sei die Diskussion gewesen, sagten Teilnehmer und ohne den Druck, gleich eine Entscheidung treffen zu müssen. Um Willensbildung sei es gegangen – ein selten gewordener Vorgang im parlamentarischen Alltagsbetrieb.

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Es ist ein mühsamer Prozess. Letztlich ist das, was nun debattiert wurde, nichts anderes als der Beschluss, der schon 2004 auf der Berliner Afghanistan-Konferenz gefasst wurde: Drogenanbau bekämpfen, nicht abziehen, nicht im Engagement nachlassen, denn es wäre eine Katastrophe. Wie hieß das Papier, das die SPD-Fraktion damals verabschiedete? "Afghanistan wird nicht im Stich gelassen."

Es war wohl Zeit, die Gedächtnisse aufzufrischen, an alte Versprechen zu erinnern. Tatsächlich schienen die Abgeordneten für einen Moment innezuhalten und darüber nachzudenken, dass ihre innenpolitischen Gefechte an anderen Fronten Leben kosten können. In der Fraktion gebe es ein "ernsthaftes Ringen um eine Frage, die die Bevölkerung in Deutschland und Afghanistan bewegt", sagte Heil.

Doch sagte Heil auch, was bei der ganzen Debatte das eigentlich Problem werden könnte: "Wir werden für die Partei die Debatte zugänglich machen." Man müsse den Genossen ein realeres Bild Afghanistans vermitteln. Mit anderen Worten: Der Basis muss klargemacht werden, was der Sinn des Engagements ist und dass man nicht einfach gehen könne. Eine schwierige Aufgabe.

Heil selbst zeigte sich von der Richtigkeit beider Einsätze überzeugt. Unverantwortlich sei es, sagte er, Afghanistan nun einfach im Stich zu lassen. Auch Steinmeier wurde mit den Worten zitiert, man könne sich nicht kopflos davon machen. Der einzige, der klar eine Verlängerung auch des OEF-Mandats forderte, war allerdings Fraktionschef Struck. Alle anderen hielten sich bewusst zurück. Die normative Kraft des Faktischen sollte wirken.

Es schien zu funktionieren. Etwas zumindest. Hans-Peter Bartels, einer der Kritiker des Einsatzes, sagte, die Debatte werde ernst genommen, sie sei "sehr nützlich" gewesen. Und wenn auch nur, um der Regierung vor der Formulierung eines neuen Mandats ein Stimmungsbild zu vermitteln.

Eines zumindest gelang: Für einen kurzen Moment schwiegen die kritischen Stimmen, wirkte die Fraktion geschlossen. Keiner der Mandatsgegner wagte es, anschließend den wartenden Journalisten seine Bewertung des Abends zu diktieren. Nils Annen, Hans-Peter Bartels, Rainer Arnold, die sich vorher teils sehr ablehnend zu Wort gemeldet hatten, sie alle gingen schnurstracks zum Fahrstuhl und wehrten jede Frage ab. Struck werde sich äußern, hieß es lediglich. Oder, wie Arnold sagte: "Wir lassen heute unseren Vorderen das Wort."

Vorbei ist die Debatte jedoch nicht. Am 7. September will die Fraktion in einer Klausurtagung gemeinsam mit dem Parteivorstand ihre endgültige Position erarbeiten. Dann auch mit Gästen aus Afghanistan. Bis dahin wird noch viel diskutiert werden. Schon am Donnerstagmorgen ging sie weiter. Im Deutschlandfunk sagte Arnold wieder, das OEF-Mandat müsse kritisch gesehen werden. Am Mittwoch aber hatte die Fraktion ihre Disziplin wiedergefunden. Wenn auch nur für einen Abend.