Mittsommernacht in Berlin. Jugendliche aus vielen Ländern feiern. Amerikaner, Neuseeländer und andere, die in Deutschland ein Jahr zur Schule gegangen sind, gemeinsam mit Deutschen, die bereits anderswo Gastschüler waren.

Eine deutsche Schülerin ging ein Jahr in Stockholm zur Schule. Sie schwärmte davon, dass dort die Lehrer gleich nach den Ferien ihre Handynummern an die Schüler verteilt hätten. Was daran denn so aufregend sei, fragte eine Stimme mit englischem Akzent. „Na, die Lehrer waren jederzeit für uns da“, antwortet die Rückkehrerin, „sie waren irgendwie Freunde.“ Schweigen der Ausländer. Dann fragte ein junger Amerikaner zurück: „Warum sind die Lehrer hier eigentlich eure Feinde?“ Schweigen bei den Deutschen. Diese Frage hatten sie sich noch nie gestellt. Den Kleinkrieg in der Schule fanden sie ganz normal. Dann bricht es aus ihnen heraus: „Ihr seid wie der Rotz an meinem Ärmel, hat unser Deutschlehrer gesagt“, erzürnt sich ein Abiturient von einem der vornehmsten Gymnasien der Stadt. Ähnliche Zitate sprudeln. „Ihr seid eben die blödesten Schüler auf der ganzen Welt, habe ich ja schon immer gesagt“, wird eine Mathelehrerin zitiert, die mit dem Verweis auf die Pisastudien auftrumpfte.

Was ist eigentlich an Schulen los, von denen so etwas berichtet wird? Was macht diese Misanthropie aus? Der Misanthrop war ja in der Antike jemand, der andere nicht für würdig fand, mit ihm zusammenzuleben. Seinem Anspruch konnte niemand genügen. Misanthropen ziehen irgendwann Bücher oder Zeitungen dem Umgang mit anderen Menschen vor. Werden sie Lehrer, unterrichten sie Fächer und nicht Schüler. Ihr Fachwissen empfinden sie als die sprichwörtlichen Perlen, die sie gezwungen sind vor die Säue zu werfen.

In diese Welt passt der Streber. Keine deutsche Besonderheit, aber hierzulande sehr ausgeprägt. Das deutsche Wort wird in anderen Sprachen als Lehnwort benutzt. Mit dem Wort Streber werden allerdings nicht nur die Schleimer und Opportunisten bedacht, sondern auch Schülerinnen und Schüler, die viel wissen, die sich für die Sachen interessieren und die ohne Hintersinn in der Schule ganz einfach gut sein wollen. In dem Vorwurf Streber steckt ein Generalverdacht. Schüler unterstellen anderen Schülern die Kollaboration mit dem Feind. Da ist offenbar ziemlich deutsch. Daran zeigt sich, wie wenig das Lernen hierzulande von den Schülern als ihre eigene Sache angesehen wird, sondern immer noch als eine im Grunde fremde, von außen kommende Anforderung.

In dieser lernfeindlichen Konstellation interessieren sich Lehrer besonders für die Fehler der Schüler. Aber nicht, damit diese daraus lernen, sondern um sie ihnen anzukreiden. Warum? Am Verhältnis zum Fehler wird der geistige Zustand einer Institution deutlich. Wie hält man es mit der Unvollkommenheit der Menschen und mit ihrer sich daraus ergebenden Verschiedenheit? Am Verhältnis zum Fehler wird auch deutlich, wo ein Wandel zu einer menschenfreundlicheren Haltung in unsere Gesellschaft in Gang gekommen ist. Man kann diese große Veränderung manchmal am besten an kleinen Unterschieden in der Betonung erkennen.

Wie klingt der Satz: „Hast du heute schon wieder Fehler gemacht?“ Vielleicht fallen Ihnen, liebe Leser, dabei auch gereizte Fragen der Eltern beim Mittag- oder Abendessen ein. Den Vormittag schon hatte sich die pädagogische Inquisition an Mathe, Latein und Erdkunde erprobt. Nur nichts falsch machen! Das war hinter all dem Stoff die Botschaft der roten Tinte. Die Gegenreaktion der Schüler: Perfektion vortäuschen. Intelligent gucken, statt dumme Fragen zu stellen.

„Hast du heute schon einen Fehler gemacht?“ Die gleiche Frage, nur ganz anders betont, empfehlen Unternehmensberater neuerdings als eine Art Mittagsmeditation. Angefangen hatte es mit diesem Spruch bei Rank Xerox in Kalifornien. Die Frage dient nun einer ganz anders temperierten Selbsterforschung. Habe ich schon etwas gewagt? Wer noch keinen Fehler gemacht hat, der hat vielleicht noch gar nichts gemacht, hat sich zumindest nicht bewegt. Fehler sind im mentalen Pass von Scouts kein Makel. Im Gegenteil, wer da nichts eingetragen hat, der hat schlechte Karten. Der Fehler gilt nicht mehr als Sünde, sondern als Vorsprung im Lernprozess. Am Fehlversuch geben sich Grenzgänger zu erkennen. Wer Neuland betritt, macht Fehler, unweigerlich. Das ist die Quintessenz lernender Organisationen: Der Fehler ist das Salz des Lernens, ja, des Lebens.

Eigentlich ist dies das alte Lied der Evolution. Man stelle sich nur vor, die Einzeller hätten einen perfekten Schutz gegen Kopierfehler bei ihrer Vermehrung entwickeln können? Es würde uns nicht geben. Mutationen verdanken wir die Evolution und Fehler treiben das Lernen voran. Beim Laufenlernen der Kinder kann man es am besten beobachten: Laufen ist aufgefangenes Fallen. Schritt für Schritt. Das bleibt ein Leben lang so. Dem Wechsel von Stabilität und Instabilität verdanken wir sogar den aufrechten Gang.

Am Verhältnis zum Fehler lässt sich heute ablesen, wo wir im Übergang von der Industriegesellschaft zu einer Wissensgesellschaft, oder wie Bundespräsident Horst Köhler sagt, zu einer Ideengesellschaft, stehen. „Macht mehr Fehler und macht sie früher!“ Mit solchen Parolen füllt Management-Guru Tom Peters in den USA die allergrößten Hallen. Vorstände der mächtigsten Konzerne zahlen Mordshonorare, um sich privatissime von ihm irritieren zu lassen. Irritation ist kostbar. Der verstorbene Meister der Paradoxien und der Systemtheorie Niklas Luhmann meinte sogar, Irritationsfähigkeit sei die wesentliche Voraussetzung dafür, Neues lernen zu können.

Es liegt auf der Hand: Wenn es darum geht, eine Atmosphäre für Kreativität zu schaffen, wenn die Hürden vor dem Wagnis, selber zu denken, genommen werden sollen, dann muss die Angst vor dem Fehler abgebaut werden. Oder genauer gesagt, die Angst vor der Angst. Es entsteht nichts Neues, wenn immer nur die einmal gefundene Lösung wiederholt wird. Nur was schiefgehen darf, das kann schließlich gelingen. Natürlich geht es nicht darum, alte, dumme Fehler zu wiederholen, sondern neue, intelligente Fehler zu wagen. „Ich ernähre mich von meinen Fehlern“, sagte Joseph Beuys.

Fehlerfreundlichkeit verlangt eine einladende Atmosphäre. „Abschied von der Perfektion“, so könnte die Parole einer Wissens- oder Ideengesellschaft lauten. Das fällt den Deutschen schwer. Tatsächlich waren und sind sie Meister der Perfektion. Damit wurden sie Weltmeister der Industriegesellschaften. Aber die Perfektion hat einen großen Nachteil. Ihr fehlt die Lücke. In Lücken nistet sich das Neue ein. In der japanischen Tradition ist das sogar eine Definition von Zukunft: Sie entsteht in der Leere, in Lücken, die man in der Gegenwart lässt. Das wussten die Künstler und Dichter schon immer. T.S. Elliot schrieb: „Perfektion hat keine Zukunft.“ Das hätte man allerdings schon im Grammatikunterricht lernen können.