Auch Investoren lassen sich gerne durch Siege mitreißen, vor allem, wenn sie unverhofft kommen. Der psychologische Mechanismus ist klar: Geht es den Anlegern gut, blicken sie auch optimistisch auf die Finanzmärkte. Wer hingegen niedergedrückt ist, traut sich und der Börse wenig zu. So prägen Stimmungen die Kurse – obgleich die klassische Finanzmarkttheorie das ignoriert und weiterhin das Bild des rationalen Anlegers pflegt, der ausschließlich auf der Basis objektiver Informationen entscheidet, in welche Wertpapiere er sein Geld steckt.

Die Behavioral Finance hingegen schaut auf die Gefühlslage der Börsianer und kann so vieles erklären, was dem klassischen Finanzmarkttheoretiker unverständlich erscheint. Einige Verhaltensanomalien wurden in dieser Kolumne ja schon vorgestellt, zum Beispiel das Herdenverhalten der Anleger oder der Ankereffekt, welcher die Investoren wie gebannt auf bestimmte Kursmarken blicken lässt – seien es ehemalige Rekordhöhen oder glatte Indexstände. Dieser Ankereffekt ist gerade besonders wirksam, denn der Dax ist vor Kurzem über die Marke von 8000 Punkten gesprungen, und der breite US-Index Standard & Poor’s 500 kratzt an seinem Allzeithoch.

Das weckt Erinnerungen an das Jahr 2000. Damals bewegten sich die Kurse zuletzt in ähnlichen Sphären – dann ging es kräftig nach unten. Ob es diesmal wieder so kommt? Sicher kann das niemand vorhersagen, und die Börsianer sind sich nicht einig, ob im Moment Zuversicht angebracht wäre oder doch eher Skepsis.

Vieles hängt davon ab, welche Quartalsergebnisse die börsennotierten Unternehmen in den kommenden Wochen vorlegen. Falls die Firmen gute Zahlen präsentieren und nachvollziehbare Gründe für einen positiven Ausblick vermitteln, haben auch die Anleger Anlass, optimistisch in die Zukunft zu sehen. Jede neue Information, welche die Quartalssaison liefert, bewegt dann die Kurse. Deshalb ist die Berichtssaison jene Zeit, in der die von der klassischen Finanzmarkttheorie beschriebenen Mechanismen besser greifen als sonst.

Dennoch spielen auch in dieser Zeit die Gefühle eine Rolle – besser: die Erwartungen und Enttäuschungen der Anleger. Bevor die Unternehmen ihre Zahlen veröffentlichen, schätzen die Analysten ihre Gewinnentwicklung. Wie hoch die Gewinne ausfallen, ist später nicht mehr so wichtig. Vielmehr kommt es darauf an, ob die Zahlen besser oder schlechter ausfallen, als die Börsianer prognostizierten.

Sind sich die Marktteilnehmer einig in ihrer Prognose, so bildet der Aktienkurs die erwarteten Unternehmenszahlen bereits ab, sie sind schon „eingepreist“. In einer solchen Situation ist es für ein Unternehmen sehr schwer, die Anleger noch zu überraschen – die Veröffentlichung des Quartalsberichts wird die Kurse kaum bewegen. Derzeit aber sind die Erwartungen gemischt, die Börsianer suchen nach Orientierung. Wer sich mit Investoren und Analysten unterhält, erhält im Moment kein eindeutiges Bild der Lage. Einige sind optimistischer als vor einiger Zeit, andere pessimistischer gestimmt.